Eine kurze Geschichte für kleine und große Kinder

Habt ihr schon mal vom Free Writing (Freies Schreiben) oder den Morning Pages (Morgenseiten) gehört? Es ist eine simple Technik bei der man einfach drauflosschreibt. Am besten gleich frühmorgens. Ohne Filter, ohne lange zu überlegen. Einfach was einem so in den Sinn kommt. Am Anfang fühlt es sich etwas eigenartig an, aber wenn man aber dabei bleibt entdeckt man schnell, dass es ganz schön heilsam sein kann. Meist sind es in etwa drei Seiten die man füllt, oder man stellt sich einen Timer mit einer festgelegten Uhrzeit. Wichtig ist den Stift nicht wegzulegen bevor die Zeit abgelaufen ist bzw die drei Seiten gefüllt sind. Wenn einem nichts mehr einfällt, dann schreibt man einfach darüber. So lange bis schließlich neue Worte ihren Weg aufs Papier finden. Oft sind es Wörter und Sätze, die sich ohne erkennbaren Sinn aneinander reihen. Manchmal erzählen sie Geschichten, die wir selbst nicht so ganz verstehen. Und hin und wieder entsteht etwas, das man gerne teilen möchte.
Wie die Geschichte vom kleinen Schmetterling....


 Der kleine Schmetterling

 
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Ein kleiner Schmetterling flatterte noch etwas unbeholfen
über die Wiese.
Es war noch nicht lange her, dass er sich von einer Raupe
in einen Schmetterling verwandelt hatte.
Alles fühlte sich so neu und anders an.
Zuerst war er sich nicht ganz sicher was er mit den beiden Flügeln auf seinem Rücken anfangen sollte.
Unsicher trippelte er hin und her.
Schließlich nahm er einen tiefen Atemzug.
„Es darf ganz leicht sein.“, flüsterte er sich selbst Mut zu,
breitete seine Flügel aus und … flog.

 

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Als er über die Blumenwiese flatterte,
begegnete er anderen Tieren. Tiere, die er noch nie zuvor gesehen hatte.
Sie sahen ganz fremd aus und der kleine
Schmetterling staunte und bewunderte sie.

Als erstes begegnete er dem Igel.
„Oh, ich möchte auch solche Stacheln haben wie der Igel.“, dachte er sich und wurde ein wenig traurig weil ihm keine Stacheln wuchsen.

 

 

 

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Dann traf er auf die Ameisen.
„Ach wär ich doch auch so stark wie die Ameisen.“,
dachte der kleine Schmetterling und wurde traurig
weil er nicht so viel tragen konnte.

Eine kleine Biene summte an ihm vorbei und noch
während er ihr nachsah dachte der kleine Schmetterling:
"Wie gerne würde ich auch so süßen Honig produzieren
können wie die Biene.", und wurde noch trauriger.

 

 

 

 

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Schließlich ließ er sich auf einer Blume nieder. Während er so dahockte und ihm dicke Tränen über die  Wangen kullerten kam eine Spinne des Wegs. 
„Warum so traurig, kleiner Schmetterling?“

„Alle sind so besonders.“, schniefte der kleine Schmetterling.
„Der Igel hat lange Stacheln, die Ameisen haben Bärenkräfte, die Bienen produzieren leckeren Honig
und du webst wunderschöne Netze.
Nur ich, ich bin nichts Besonderes.“

Die Spinne sah den kleinen Falter verwirrt an:
„Warum denkst du, dass du nichts Besonderes bist?“
„Weil ich nicht kann, was die anderen können.“, sagte er und
begann noch bitterlicher zu schluchzen.

 

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Überrascht blinzelte die Spinne: „Ja aber … siehst du es denn nicht?“
„Was denn?“, der kleine Schmetterling schniefte laut.
„Das was nur du kannst. Das was außer dir niemand kann.“
Der kleine Falter wirkte zuerst etwas ratlos,
dann begann er angestrengt zu überlegen.
„Ich weiß etwas.“, sein Gesicht hellte sich auf.
„Ich kann fliegen.“
Die Spinne zwinkerte ihm zu. „Und was noch?“
Wieder grübelte der kleine Schmetterling eine Zeit lang.
„Und ich habe wunderschöne Farben. Ich habe einmal gehört,
dass sie die Menschen glücklich machen.“
Wieder nicke die Spinne. „Siehst du,
du bist etwas ganz Besonderes. Du brauchst nicht zu sein wie andere.
Sei einfach du selbst, dann bist du am Schönsten.“

 
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Der kleine Schmetterling begann zu strahlen und als er seine
Flügel öffnete schillerten sie in allen Regenbogenfarben.
„Danke liebe Spinne!“
Die Spinne nickte: „Und jetzt flieg los und hilf dabei
ein bisschen Glück und Freude zu verbreiten,
einfach indem du so bist wie du bist.“

Die Spinne sah dem kleinen Schmetterling noch lange nach als er davon flatterte.
Und als seine bunt leuchtenden Flügel schließlich in der Ferne  verschwanden,
da fühlte sie sich … glücklich.

 
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"Leben ist nicht genug,
sagte der Schmetterling.
Sonnenschein, Freiheit und eine
kleine Blume gehören auch dazu."

Hans Christian Andersen