In einer kalten Winternacht ...

Die großen Musiker besingen sie schon seit Jahrhunderten. Poeten füllen noch heute ganze Bibliotheken mit Gedichten über sie. Gemälde und selbst Bauten tragen ihre Handschrift.
Durch alle Zeiten und Epochen war sie Lust und Leiden, war Hoffnung und Verdammnis zugleich.
Die Liebe.

Ihr Gesicht hat sich über die Jahrhunderte fortwährend verändert. Form und Farben sind niemals dieselben geblieben.
Und doch gibt es sie heute genauso wie damals, die Balladen mit den sehnsüchtigen Noten.
Gedichte, die man einst mit Tinte und Feder schrieb werden heute auf dem iPad getippt. Aber die Zeilen auf dem Display erzählen althergebrachte Geschichten.
Von Träumen und Hoffnungen, Wünschen und Sehnsüchten.
Sie ist anders und doch genau so, wie sie immer war. Sie scheint nie zu vergehen.
Über alle Zeiten hinweg blieb sie beständig. Die Liebe.


Eine Geschichte…

Er sah sie zum ersten Mal an einer Straßenecke.
Den dicken Schal um die schmalen Schultern geschlungen stand sie da. Sie sah so verloren aus, in jener Nacht. Die Lippen zusammengekniffen, die Hände tief in den Taschen ihres weiten Mantels vergraben, wirkte sie fast durchsichtig. Zerbrechlich, wie feines Porzellan.
Wie gerne hätte er sie in jenem Moment in die Arme genommen, sie vor dem kalten Wind geschützt.
Es waren nur ein paar wenige Schritte, die ihn von ihr trennten. Kaum ein paar Meter. Und doch hätten es ganze Welten sein können.
Es würde nur mehr Sekunden dauern bis sie die Straße überquerte. Augenblicke, die so unbarmherzig dahinschwanden wie die Zeit in einer Sanduhr.
Er konnte die Schneeflocken, die sich auf ihren Wimpern setzten, nicht sehen. Aber er wusste, dass sie da waren. Er hätte sie so gerne weggeküsst.
Erst als er sie dort an jenem Abend fand begriff er, dass er nach ihr gesucht hatte.

Kälte war unter ihren Mantel gekrochen. Doch deswegen fror sie nicht. Sie zitterte unter dem Gewicht der Einsamkeit, die sie manchmal zu erdrücken schien. Während ihr Atem kleine Wölkchen formte, die in der kalten Winterluft hängenblieben, beobachtete sie ihn aus den Augenwinkeln. Sie hatte ihn schon zuvor gesehen, an der Bushaltestelle. Und dann später im Lokal.
Sie war ihm bestimmt nicht aufgefallen, das wusste sie. Nicht so wie er ihr.
Er hatte ein nettes Lächeln. Warm. Offen. Auch wenn es niemals ihr gelten würde erlaubte sie sich für einen kurzen Moment dem Gedanken nachzugeben, es wäre so. Er stand nur ein paar wenige Schritte von ihr entfernt und doch wünschte sie sich, er wäre ihr näher. Die Hände hatte er tief in den Taschen seiner dunklen Jacke vergraben. Sie fragte sich ob er Handschuhe trug. Ob seine Hände, die ihren würden wärmen können. Ob er die Kälte in ihrem Inneren vertreiben konnte.

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Wenn er sie jetzt gehen ließ, würde er sie jemals wiedersehen?
Wenn sie ihm die Hand entgegenstreckte, würde er sie nehmen?
Vielleicht hatte sie zuhause jemanden, der auf sie wartete?
Woran er wohl gerade dachte?
Wie konnte jemand der so schön war, so einsam aussehen?
Ob jemand wie er wusste, wie sich die Kälte im Inneren anfühlte?

Ich könnte etwas zu ihr sagen.
Ich könnte ihn etwas fragen.
Nur ein Wort.
Nur ein Lächeln.

Das grüne Licht der Ampel leuchtete viel zu grell in der kalten Winternacht. Während sich ringsum alles in Bewegung setzte blieben nur zwei, die reglos verharrten.

Ich sollte gehen. Bevor er es tut.
Bitte geh nicht. Bleib hier. Ich möchte dir so gerne etwas sagen.
Ich mag dein Lächeln. Es lässt mich die Einsamkeit vergessen.
Lass mich dich nur einmal in den Arm nehmen, lass mich nicht allein zurück.
Leb wohl, wie gerne hätte ich meine Hand in deine gelegt. Wir hätten ein Stück gemeinsam gehen können.


Ich … geh nicht...
… „Verzeihung!? Bitte warte. Warte kurz!“

Ich kann nicht glauben das ich das getan habe. Aber wie hätte ich sie gehen lassen können?
Hat sie mich gehört? Was wenn sie mich nicht gehört hat?
Schmale Schultern straffen sich unter dem weiten Mantel.
Sie bleibt stehen.
Ganz langsam dreht sie sich um.
Erst jetzt sehe ich, dass das Glitzern auf ihren Wangen kein Schnee ist.

„Ja?“

Ihre Stimme ist klar. Hell. Sie passt zu ihr.

Hat er tatsächlich mich gemeint? Da ist es wieder, dieses Lächeln. Ist es töricht zu glauben, es sei für mich?

„Darf ich ein Stück mit dir gehen?“

Da. Schon wieder. Ich weiß nicht welcher Teil von mir spricht, aber der Verstand kann es wohl nicht sein. Mein Herz rast als versuche es vor mir davonzurennen. Und während ich auf ihre Antwort warte merke ich, dass ich Angst habe. Angst davor, dass sie aus meinem Leben verschwindet bevor sie überhaupt dazugehört hat.

Hat er mich das gerade wirklich gefragt?
Wird sie sich einfach umdrehen und fortgehen?
Das kann nicht sein.
Bitte geh nicht.


„Das wäre schön. Ich meine … es wäre schön, wenn du mich ein Stück begleiten würdest.“

Sein Lächeln wird breiter. Als er mit wenigen Schritten den Abstand zwischen ihnen überwindet können sie es beide spüren. Ewas verändert sich. Es passiert lautlos, so unbemerkt wie das Schmelzen von Schneekristallen auf warmer Haut.

Als er neben ihr geht und der Wunsch sie näher an sich zu ziehen fast übermächtig wird weiß er es.
So fühlt sie sich an, die Liebe.
Während sie zu ihm hochblickt und sein Lächeln erwidert kann sie sie spüren.
Die Liebe.

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Ihre Hand findet die seine.
Und genau dort, auf dem Weg von
einer Straßenecke zur anderen,
an einem Abend, der so gleich ist wie jeder andere
und doch ganz anders.
Dort beginnt etwas, das schon vor Jahrhunderten
seinen Anfang gefunden hat.
Etwas, das große Gelehrte in Worte zu fassen versuchen.
Etwas, dem Dichter Ausdruck geben wollen.
Doch das Lautlose tönt nicht in Worten.
Und keine Künstler der Welt vermag
das Gestaltlose in Form zu zwängen.

Und doch war sie da. In jener kalten Wintersnacht. Im Schein der Straßenlaternen.
Begleitet vom stillen Tanz der fallenden Schneeflocken.
Die Liebe