Eine Schwäche für Helden und die ganz normalen Alltagsprinzen

Carrie Bradshaw, Sex and the City:

„Ich kam nicht umhin mich zu fragen - wartete tatsächlich in jeder der selbstbewussten, unabhängigen Frauen
eine empfindsame, zerbrechliche Prinzessin darauf gerettet zu werden? Hatte Charlotte recht? Wollen Frauen im Grunde nur gerettet werden?“

Während ich die alten Sex and the City Folgen wieder ans Tageslicht befördere und es mir mit einer Tasse Tee und der Lieblingskuscheldecke vor dem Laptop bequem mache, bekomme ich sie einfach nicht mehr aus dem Kopf - die eine Frage:
Hatte Charlotte vielleicht wirklich Recht?

Gibt es neben all der Selbstbestimmung, dem Freiheitsdrang und dem Für-Sich-Selbst-Sorgen-Können(-und-Wollen)
einen Teil von uns, der nach dem Helden in seinem eigenen, ganz persönlichen Märchen sucht?

Wenn ich mich so in meinem Freundeskreis umsehe, dann kann ich mich des Eindrucks kaum erwehren – der Wahrheitsfunke in Charlottes Behauptung hat mehr das Ausmaß eines Flächenbrands.

Nehmen wir das Beispiel einer sehr engen Freundin von mir:
Über den Verlauf der letzten Jahre hat sie einen Teil von sich entdeckt, den sie ihr „Alter Ego – Deb“ nennt. Deb ist diejenige, die nicht zögert sich die Hände schmutzig zu machen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Deb kümmert sich neben der Finanz- auch um die Urlaubsplanung, die Gestaltung der Wohnung (inklusive Auf- oder Abbau diverser Möbel),
um anfallende Autoreparaturen (ja, die macht sie selber), …
Um es kurz und klar mit den Worten meiner Freundin auszudrücken:

„Deb gets shit done.“

Photo by Tirza van Dijk on Unsplash.jpg

Warum es Alter-Ego-Deb braucht?
Weil der liebe Angetraute ein herzensguter Mensch mit zwei linken Händen und einer butterweichen Seele ist.
Er repariert nicht, er verhandelt nicht, er führt nicht einmal Telefonate mit Versicherungen. Dafür kocht er.
Ausgezeichnet sogar.
Wenn meine Freundin ihm etwas anschafft ist seine Antwort:
„Ja Schatz.“
(Und dann tut er was sie ihm angetragen hat. Immer.)
Ein netter Kerl, der Angetraute. Ich mag ihn gern.
Meine Freundin mag ihn auch.

Aber unlängst hat sie mir anvertraut, dass sie Deb sowas von satthat. Dass sie sich nichts mehr wünscht als Deb mit einem Tritt ins Jenseits zu befördert.
Sie möchte umsorgt, auf Händen getragen werden. Sie ist es leid diejenige zu sein, die alles regelt und die Entscheidungen trifft. Sagt sie.

Und das, wo meine Freundin eine knallharte Geschäftsfrau ist. Wenn sie mir von Gehaltsverhandlungen mit potenziellen weiteren Arbeitgebern erzählt, steigt sogar bei mir der dringende Wunsch mich unterm Tisch zu verkriechen.
Meine Freundin ist selbstständige Yogalehrerin (was in den meisten Fällen vom finanziellen Standpunkt aus gesehen mehr Katastrophe als Berufswahl ist). Der Job finanziert ihr nicht nur eine nagelneue Eigentumswohnung, ein Auto (das zum Zeitpunkt des Kaufs Neuwagen war) und tägliches (!) Essen in Lokalen UND … es bleibt ihr dabei sogar noch was übrig.

DAS ist wie unabhängig und erfolgreich meine Freundin ist. Und doch wünscht sie sich oft nichts mehr, als diese Unabhängigkeit gegen ein bisschen mehr „Abhängigkeit“ einzutauschen. Der liebe Angetraute ahnt nichts davon. Noch nicht.
Aber ich glaube ich weiß schon was er antworten wird, wenn meine Freundin ihn in ihren Wunsch einweiht…

… „Ja, Schatz.“ …

Eine andere Freundin hat sie ebenfalls satt. Die Sache mit der Unabhängigkeit und dem “auf sich selbst aufpassen können”.
Das wird sehr schnell klar nachdem man sich das Dating Profil ihrer „potenziellen Retter“ über die letzten Monate ansieht:

Zu Beginn unserer Freundschaft war da Paul. Paul war … ist ein Kletterer. Was ihm an finanzieller Sicherheit mangelte, machte er mit einem muskelbepackten Oberkörper und einem Herz aus Gold wett. Paul war gut im Zeug reparieren … und im Türen aufhalten. Ein richtiger Gentleman. Ich mochte Paul. Leider wurde ihm die Sache mit der Arbeitslosigkeit zum Verhängnis.
Somit wurde Paul recht bald durch Matt ersetzt. Meine Freundin ist keine, die lange fackelt.
Matt ist Feuerwehrmann. Er ist also bestens ausgestattet mit dem Helden-Gen. Hübsch war er auch noch anzusehen, der liebe Feuerwehrmann. Doch alle Genetik kam schlussendlich nicht gegen die Exfrau an. Von der wollte er sich nämlich auch nach monatelangem Scheidungskrieg nicht trennen.
Somit hieß es bald kurz und schmerzlos - Bye, Bye Matt.
Und so wurde aus Matt, Sean. Sean arbeitet für die United Air Force. (Na, ist der rote Faden erkennbar?)
Sean ist ein netter Kerl, wirklich. Ich habe ihn kennengelernt, ich kann das bestätigen.
So richtig was gelaufen ist mit dem Mann von der Airforce aber noch nichts und da meine Freundin äußerst attraktiv ist und das Datum von Seans letzter Beziehung bereits Spinnweben ansetzt stellt sich die Frage:

Steht er einfach nicht auf sie…
…oder liegt das Problem vielleicht ganz wo anders?

Wir werden es noch herausfinden.

Photo by Oleg Ivanov on Unsplash.jpg

Jetzt wo ich genauer darüber nachdenke scheinen solche Geschichten mehr Norm als Seltenheit.
Und während die eine Freundin Männer mit Muskeln bevorzugt, will die andere jemanden, der ihr den begehbaren Kleiderschrank finanziert (und aufbaut).
Die nächste sucht den Gentleman der Türen aufhält und einem in die Jacke hilft und ich kann aus tiefster Überzeugung sagen – ich habe noch kaum eine Frau getroffen, die sich nicht darüber freut, wenn Mann ihr Komplimente macht
und den Müll rausbringt.

Sie sind ganz unterschiedlich, unsere Alltagshelden.
Sind wir Frauen ja auch.
Und doch sind wir alle gemeinsam auf der Suche
nach diesen Momenten,
in denen der Auserwählte etwas tut oder sagt,
bei dem etwas in unserer Brust dahinschmilzt
und wir schließlich vor lauter Rührung
in einer kleinen Herzpfütze stehen.

Kann es also vielleicht sein, dass wir Frauen,
so sehr wir Unabhängigkeit und Stärke genießen,
uns doch hin und wieder nach jemandem sehnen,
der stärker ist?

Kann es sein, dass all die Kitschromane mit den muskelbepackten Typen auf den Covern
sich nach all den Jahren noch immer in den Verkaufsregalen halten, weil ein Teil von uns die Idee vom beschützenden Helden attraktiv findet?

Wenn selbst Carrie Bradshaw (einstiges und vielleicht noch heutiges Idol von vielen) dem Traum vom Alltagsprinzen erliegt …
ist es dann so verwerflich sich einzugestehen, dass es uns ähnlich ergeht?

… dass wir alle uns den Helden zu unserem eigenen,
ganz persönlichen Märchen wünschen?