Der Wert eines Jahres

Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt und die Blätter am Kalender weniger werden,
wenn die Weihnachtsstimmung langsam abklingt
und man mit ein bisschen Wehmut über die Schulter zurückblickt,
sich umsieht nach den Tagen, Wochen und Monaten, die plötzlich hinter einem liegen …

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…dann kann es schon mal vorkommen, dass die Gedanken
sich ganz eigene Wege bahnen.  
Manchmal tauchen dabei auch Fragen auf.
So wie jene, die mich nun schon seit einigen Tagen beschäftigt:


Was war es denn nun wert, mein Jahr 2018?


Was habe ich geschafft?
Welche Ziele habe ich erreicht, welche Träume verwirklicht?
Und was sind denn nun eigentlich die Dinge, an denen sich der Erfolg meines Jahres festmachen lässt?

Tja, und dann sitz ich da … mit rauchendem Kopf und einem riesen Fragezeichen auf der Stirn.
Und obwohl ich eigentlich besseres zu tun hätte (man beachte die Staubflusel, die in völliger Anarchie über den Fußboden turnen)
und mir über andere Dinge Gedanken machen sollte (zum Beispiel mich endlich um die Mietverlängerung zu scheren),
lässt mich die Frage einfach nicht mehr los:

Woran bestimmt man den Wert eines vergangenen Jahres?
Oder anders ausgedrückt: Was ist es denn nun genau, das ein Jahr wert-voll macht?

Liegt die Antwort vielleicht im beruflichen Erfolg und den Projekten, die wir verwirklicht haben?
Geht es um die langersehnte (und wohlverdiente) Gehaltserhöhung?
Misst sich der Wert an der neuen Wohnung, dem vergrößerten Swimmingpool, dem neuen Auto in der erst kürzlich errichteten Garage?
Liegt der Wert unseres Jahres in den Zielen, die wir in Angriff genommen und verwirklicht haben?
Sind es die guten Noten der Kinder, der Gehorsam des Hundes, die verlorenen zehn Kilo auf der Waage oder ist es die Anzahl an Freunden und Likes auf unseren Social Media Accounts? …

Wer mich näher kennt und mein Jahr ein wenig mitverfolgt hat, der weiß folgendes:

Aufgrund eines Visawechsels und der damit einhergehenden Verabschiedung meiner Arbeitsbewilligung, hab ich meiner Karriere als Yogalehrerin im Jahr 2018 fürs erste mal Ade gesagt.
Weiters habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Ausbildung abgebrochen und auch wenn ich mich jederzeit wieder ganz genau so entscheiden würde, ist es dennoch etwas, das ich auf den ersten Blick nicht zu den wertvollen Momenten meines vergangenen Jahres zählen würde.
(Das ändert sich bei näherer Betrachtung zum Glück ein wenig.)
Ich habe endlich den Mut und auch die Disziplin gefunden meinen Traum vom Ultratrail - Laufen zu verwirklichen und … bin gescheitert. Nicht das ich als Letzte durchs Ziel gekommen wäre … ich bin gar nicht durchs Ziel gekommen.
Als auch nix, was man mit Datum, Uhrzeit und einem Smiley im Kalender festhält.
Und da ist noch so einiges mehr, was mir bei meinem Rückblick durch den Kopf geht.

Aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass all das nicht unbedingt Antwort auf meine Frage ist.
Denn auch wenn mein Kopf mir etwas anderes sagt, kann ich das Gefühl nicht abschütteln,
das 2018 ein besonderes, ein wertvolles Jahr war.

Nachdem ich unzählige Stunden über dem Thema gebrütet habe (statt die Jagd auf die Staubfutzerl zu eröffnen),
glaube ich allmählich zu verstehen …

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Zu manchen Zeiten mögen es tatsächlich
die Ziffern auf dem Kontostand,
die erworbenen Besitztümer,
die bejubelten Erfolge
und die Erfüllung von Wünschen und Träumen sein,
die es uns erlauben mit Stolz auf das zurückzublicken,
was wir geschaffen haben.
Es gibt Momente, da geht es genau um diese Dinge.
All jenes, das greifbar, das messbar ist.
All das, was für den Beobachter gut ersichtlich
im Außen entsteht.

… aber was ist mit all den Veränderungen,
die über ein Jahr hinweg still und verborgen
in unserem Inneren von statten geht?
Haben auch sie einen Wert?

… sind sie möglicherweise sogar … wertvoll?!

Kann es sein, dass sich Wert in den Träumen findet, die wir uns endlich zu leben getraut haben?
Und zwar ganz unabhängig davon, ob die Verwirklichung am Ende von Erfolg gekrönt war.
Vielleicht ging es ja von Anfang an nur um jenen Moment, in dem wir beschlossen haben unseren Träumen Leben einzuhauchen?

Reift das Wertvolle vielleicht genau in jenen Augenblicken, in denen wir stolpern und auf der Nase landen? In den erfolglosen Zeiten, in denen wir lernen Geduld mit uns selbst zu haben und Vertrauen ins Leben lernen?
Kann man Wert dort finden, wo wir endlich den Mut gefasst haben um Hilfe zu bitten oder vielleicht sogar aus eigener Kraft wieder auf die Beine gekommen sind?

Für mich lebt das Jahr unter anderem von den Stunden, in denen wir uns getraut haben über den Rand hinaus zu malen. In denen wir dem grauen Wetter zum Trotz die buntesten Farben gewählt und den Farbtopf mit Schwung über unser eigenes Leben und das der Menschen um uns herum gekippt haben.

Allmählich wird klar, der Wert des vergangenen Jahres leuchtet für mich in den vielen Malen, in denen ich mich vor etwas gefürchtet und es trotzdem getan habe. Er lebt von den Augenblicken, in denen ich trotz zitternder Stimme den Mut hatte meine Wahrheit zu sprechen. Er spiegelt sich in all den Entscheidungen, die ich nicht aus Angst, sondern aus Liebe getroffen habe.

Dieser Wert, er wächst aus einem klaren, unüberhörbaren JA zu uns selbst und zum eigenen Leben.
Er wurzelt in der bewussten Entscheidung so zu sein, wie man gerade eben ist. Ohne all die Masken, mit denen es sich oft so viel leichter lebt. Man geht das Risiko ein, ganz man selbst zu sein. 
Risiko deswegen, weil es keinen klar vorgegebenen Weg gibt. Niemand nimmt einen dabei an der Hand. Auf der Reise zu sich selbst erhält man keine guten Noten, kein Jobangebot, keine Bonuszahlung.
Diese Reise zählt zu den wertvollsten (und gleichzeitig zu den am meisten unterschätzten) Abenteuern, auf die man sich über den Verlauf eines Jahres einlässt.

Und genau darum finde ich es wichtig auch mal zurückzuschauen.
So vieles wird ansonsten übersehen, bleibt im Verborgenen. Erhält nicht die Wertschätzung, die es verdient.

Die Augenblicke, in denen wir geholfen haben gebrochene Herzen sorgsam wieder zusammenzuflicken.
All die „Ich bin für dich da“ - Stunden, die wir verschenkt haben.
Die vielen „Ich hab dich lieb. Ganz so wie du bist.“ - Momente, die wir anderen mit offenen Händen gereicht haben.

So viele Augenblicke, die durch ein ganzes Jahr klingen und kaum gehört werden.
Ihr Wert spiegelt sich in Umarmungen, in geteilten Freunden und Ängsten. Er leuchtet dort wo ein Herz ein anderes berührt.

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Nun sage mir (denk nicht nach, spür hinein):

 Kannst du ihn sehen,

den Wert deines vergangenen Jahres?