Eine (Weihnachts) Geschichte

Heute erlaube ich mir eine Geschichte zu borgen und sie ganz frech und frei vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen.

Wer an der Originalversion interessiert ist, der findet sie im Buch „Carry on Warrior“ von Glennon Doyle Melton (Kapitel: Unwind)

Es ist nicht wirklich eine Weihnachtsgeschichte,
aber in ihrer ungeschönten Ehrlichkeit erzählt sie aus dem Leben.
Und gerade in der Weihnachtszeit finde ich es wichtig, dass auch jene Geschichten erzählt werden, die das Leben so schreibt.

Findet ihr nicht auch?


Eine Geschichte…

(geborgt und frei übersetzt aus dem Englischen)


Es war einmal ein Ehepaar, dessen Ja zueinander, zum Zeitpunkt dieser Geschichte, bereits zwölf Jahre zurücklag.
Die ersten beiden Ehejahre waren gut gewesen. Glücklich. Aber nachdem die Kinder in ihr Leben getreten waren, wurde die Zeit knapper. Über die Jahre wurde die Arbeit härter und das Geld weniger. Und langsam, ganz allmählich, begann das Leuchten ihres Miteinanders zu verblassen.

Wo sie einst Stärke und Ruhe bewundert hatte, traf sie nun auf Kälte und Distanz.
Wo er einst Leidenschaft und Zärtlichkeit gespürt hatte, fand er nun nur noch Besserwisserei und Vorwürfe.

Sie wurden immer verdrossener und verloren darüber die Achtsamkeit. Sie verloren das Miteinander.
Sie hörten auf füreinander zu sorgen. Stattdessen begann jeder für sich selbst zu sorgen.

Die Entfernung zueinander wurde immer weiter, bis es ihnen fast unmöglich wurde, einander zu berühren.

Eines Tages sagte sie zu ihrer Freundin: „Ich liebe ihn einfach nicht mehr.“
Es fühlte sich erschreckend und aufregend zugleich an.
Er sagte zu einem seiner Freunde: „Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wirklich geliebt habe.“
Der Vorschlag ihrer Freunde war eine Therapie. Aber sie hatten die Hoffnung aufgegeben.
Es fühlt sich alles zu verworren, zu angespannt an, um es noch irgendwie lösen zu können.

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Eines abends kam sie, müde wie immer,
von der Arbeit nachhause. Es war schon spät.
Sie kochte den Kindern Abendessen und brachte sie anschließend ins Bett. Sie fühlte sich ausgebrannt und leer.
Er war spät dran.
Wieder einmal.
Und obwohl er zu spät und das Haus ein einziges Chaos war, wusste sie, dass er durch die Tür spazieren,
sich ein Glas Wein einschenken und es sich dann am Küchentisch gemütlich machen würde.
Das tat er jeden Abend um sich zu entspannen.
Sie konnte sich kaum noch daran erinnern wie es sich anfühlte, entspannt zu sein. Die einzige Zeit, in der sie nicht wie vom Teufel gehetzt herumlief war,
wenn sie spätabends hundemüde ins Bett fiel.
Irgendwer musste den Alltag schließlich am Laufen halten.

Sie starrte auf die Flasche Wein im Regal. Dann wanderten ihre Augen wie von selbst weiter zu dem Hochzeitsfoto,
das eingerahmt an der Wand hing.
Ahnungslos, dachte sie. Wir waren ahnungslos. Und glücklich. Sieh uns an. Wir waren glücklich. Wir waren voller Hoffnung.

Bitte lieber Gott, hilf uns. Murmelte sie leise.
Dann trat sie an das Regal heran. Sie griff nach der Flasche mit dem Wein und füllte ein Glas für ihn. Das Glas stellte sie auf den Küchentisch. Daneben legte sie sein Buch. Genau an die Stelle, an der er des abends zu sitzen pflegte, um sich zu entspannen. Dann ging sie nach oben und legte sich schlafen.

Eine Viertelstunde später schlich er auf Zehenspitzen ins Haus.
In den Fenstern hatte kein Licht mehr gebrannt.
Er wusste, dass er schon wieder zu spät dran war, um die Kinder ins Bett zu bringen.
Er wusste auch, dass sie böse auf ihn sein würde. Innerlich hatte er sich schon auf auf das eisige Schweigen vorbereitet, mit dem sie ihn für gewöhnlich bestrafte.
Er legte seinen Mantel ab und machte sich auf den Weg in die Küche.
Dort fiel sein Blick auf das Weinglas. Es stand gefüllt auf dem Tisch. Sein Buch lag daneben und sogar der Stuhl war ein wenig zurechtgerückt worden, sodass er bequem Platz nehmen konnte. Einen Moment lang stand er einfach nur da und versuchte zu verstehen, was er gerade sah.

Es fühlte sich an, als hätte sie zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder mit ihm gesprochen.

Er setzt sich hin und trank seinen Wein, aber anstatt zu lesen dachte er an sie. Er dachte darüber nach wie hart sie arbeitete und darüber, wie zeitig sie frühmorgens aufstand, um die Kinder in die Schule zu bringen und dann selbst zur Arbeit zu fahren.

Er spürte Dankbarkeit.

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Er leerte sein Glas und machte sich dann auf den Weg zur Kaffeemaschine. Er schüttete die Bohnen in das Mahlwerk, füllte den Wasserbehälter und stellte den automatischen Timer auf halb 6 Uhr früh.
Dann nahm er ihre Lieblingstasse aus dem Regal
und stellte sie neben die Kaffeemaschine.
Mit leisen Schritten schlich er die Treppe nach oben
und kroch vorsichtig neben ihr unter die Bettdecke.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte taten ihr alle Glieder weh. Schlaftrunken taumelte sie die Treppe nach unten und tapste in die Küche. Als sie den Geruch von frisch gebrautem Kaffee wahrnahm und das leise Gurgeln der Maschine hörte, war sie mit einem Schlag hellwach.
Einen Moment lang stand sie einfach nur da und versuchte zu verstehen, was sie da gerade sah.

Es fühlte sich an, als hätte er zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder mit ihr gesprochen.

Sie spürte Dankbarkeit.

An diesem Abend berührte sie ihn kurz, als sie gemeinsam das Abendessen zubereiteten. Ganz flüchtig und vorsichtig strich sie mit ihrer Hand an seinem Oberarm entlang.
Nachdem sie die Kinder ins Bett gebracht hatten blieb sie noch auf, um sich gemeinsam auf der Couch eine Serie anzusehen.
Er griff nach ihrer Hand. Erst hatte er gezögert, dann tat er es dennoch.
Sie spürte, wie ihre Hand die seine fand.
Und langsam und vorsichtig begann das, was angespannt und verworren war, sich ein ganz klein wenig zu lösen.


Es ist nicht immer einfach. Manchmal ist es schwer. Schwer und kompliziert. Und verwirrend.
Manchmal hat man das Gefühl alles sei so verworren, so fest verknotet,
dass es kaum noch zu lösen ist.
Niemand behauptet, dass es leicht ist – aber alles beginnt damit, dass jemand das Weinglas als erster füllt …

Photo by Terry Vlisidis on Unsplash.jpg


Denn die Liebe ist nichts
wonach man sucht,
auf das man wartet,
worauf man hofft,
von dem man träumt…

… Liebe ist etwas, das man tut.
Liebe macht den ersten Schritt.