Australien & Neuseeland, Reisetagebuch II (Neuseeland)

Es ist fast Mitternacht als wir aus dem kleinen Flieger steigen. Erleichtert stelle ich fest, dass die Luft auch hier noch deutlich feuchter ist als in Colorado. In Australien hat man, wenn man die trockene Luft in Boulder gewöhnt ist, das Gefühl als würde man gegen eine Wand aus Feuchtigkeit rennen. In Neuseeland scheint das nicht ganz so dramatisch zu sein, aber immerhin – von trocken kann keine Rede sein. Müde fallen wir irgendwann gegen ein Uhr nachts ins Bett. Eineinhalb Wochen Australien liegen hinter uns, eineinhalb Wochen Neuseeland vor uns. Ich bin ein bisschen wehmütig, denn ich habe mich ein ganz klein wenig in das Känguru-Land mit seinen unzähligen Stränden, die friedlichen, kleinen Stranddörfchen und das vor Leben pulsierende Sydney verliebt. Nachdem wir frühmorgens etwas zerknittert und desorientiert aus dem Bett des schuhschachtelgroßen Hotelzimmers geklettert sind überwiegt jedoch die Vorfreude und keine Stunde später stehen wir bereits bei der Mietwagenfirma um unser Wägelchen, das uns die kommenden acht Tage herumkutschieren soll, abzuholen. Ich rede ihm gut zu, wir scheinen uns gut zu verstehen und ab geht’s auf der linken Straßenseite. Ich fahre, da mir auf der Beifahrerseite immer übel wird. Es wurde mir ja schon unterstellt, dass ich „ein wenig“ unter Kontrollsucht leide und mir daher übel wird wenn ich Beifahrer bin und außer dem konstanten Drang über den Fahrstil des anderen zu Jammern so gar keinen Einfluss habe. Ich bestreite das jedoch weiterhin vehement.

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Nachdem ich ein paar Mal den Scheibenwischer statt des Blinkers verwendet habe (natürlich alles seitenverkehrt), haben Jucy (Name der Mietwagenfirma und somit offizieller Familienname unsres Gefährts) Freundschaft geschlossen. Ok, ok der große Kaffee hat dabei auch ein wenig geholfen, wobei man sagen muss – wenn man sich an die Größe und Stärke der amerikanischen Kaffees gewöhnt hat kommt einem jeder andere Kaffee wie Blümchenkaffee vor (selbst der extra Große). Unser Weg startet an der Westküste, genauer gesagt in Christchurch und führt uns von nun an stetig Richtung Osten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Neuseeland Ähnlichkeit mit Österreich hat. Unser erster Stopp, die Castle Hill Rocks, fügen sich dann jedoch ziemlich einzigartig in die Landschaft ein und wir nutzen die Chance für einen kleinen Spaziergang. Weiter geht’s zum Arthurs Pass auf dem wir eigentlich eine kleine Wanderung geplant hatten. Nur blöd, dass wir erst bemerkten, dass wir den Pass bereits überquert haben nachdem es wieder bergab geht.
„Sollen wir umdrehen?“ „Nö, im Auto ists grad so gemütlich.“
Ja dann… lassen wir den Spaziergang halt ausfallen, morgen ist ja auch noch ein Tag. Abends trudeln wir schließlich in dem 4.000 Seelen Dörfchen Hokitika ein. Google Maps findet unser für eine Nacht gebuchtes Bettchen nicht, als geht’s ab zur Touristeninfo. Die Dame dort beglückwünscht uns zu unserer Unterkunft, aber ihre Glaubwürdigkeit geht aufgrund des neuseeländischen Dialekts und ihres undeutbaren Augenaufschlags irgendwie verloren und wir sind uns nicht ganz sicher ob sie ehrlich mit uns ist oder uns für blöd verkauft. Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor. Eine viertel Stunde später wissen wir mehr. Die Dame vom Touristenbüro war ehrlich. Zum Glück. Das Zimmer ist nett and hat sogar eine Heizung. Draußen ist es nämlich mittlerweile kalt und regnet. Ich bin missmutig, Andi motiviert. Also ab zum nahe gelegenen Strand für ein paar Fotos und ein Bier. Aus den Fotos wir nicht viel, da alles Grau in Grau ist. Nur das Wahrzeichen des Ortes reckt sich fotogen vor den Wolken und den rauschenden Wellen. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich recke mich nicht, ich ziehe mir den Schal bis über die Nase hoch und blicke böse zu den Wolken hinauf. Ein paar Fotos und ein Bier (das die Laune wieder deutlich hebt) später liegen wir im Bett, draußen prasselt der Regen.

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Am nächsten Morgen...scheint die Sonne. Ich bin wieder versöhnt und freue mich auf die Weiterfahrt. Das Glühwürmchen Tal (Glowworm Dell) lassen wir ausfallen. Gestern waren wir zu faul für Glühwürmchen besichtigen und als wir die Dame an der Rezeption heute Morgen danach fragen erklärt sie uns, dass es bei Tags wenig Sinn macht nach Glühwürmchen zu suchen. Irgendwie klar, aber wer bedenkt das schon nach 5 Stunden Autofahrt auf der falschen Seite, einem versäumten Arthurs Pass und der Überzeugung , dass ein Glowworm Dell eine Höhle mit Glühwürmchen ist. Der nachsichtige Blick der Rezeptionistin verrät, dass sie uns bereits in die Schublade „arme, unwissende Touristen“ gesteckt hat. Nach kurzer Recherche stellt sich heraus, dass ein „Dell“ ein Tal ist (also einleuchtend das man da tagsüber, im Gegensatz zu Höhlen, keine Glühwürmchen sieht) und die Glühwürmchen eigentlich keine Glühwürmchen sondern leuchtende Pilze sind. Aha. Wir ziehen also ab ohne die Hokitika-Glühwürmchen…Pilze…WasAuchImmer, gesehen zu haben. So toll waren die bestimmt ohnehin nicht.

Das Wetter meint es gut mit uns und nur wenig später erreichen wir Hokitika Gorge. Ein Fluss, so türkis dass es fast schon unecht wirkt, schlängelt sich durch urwaldähnliches Grün. Keine zehn Minuten weiter finden wir eine Brücke, die den Fluss überquert und ein gutes Fotomotiv bietet. Kaum Touristen und die Temperaturen sind angenehm. Die Glühwürmchenpilze habe ich in der Begeisterung über das helltürkise Flusswasser schon fast vergessen. Weiter geht’s zum Franz Josef Gletscher. Wir haben Glück, das Wetter hält so lange, dass wir ein paar hübsche Fotos vom Gletscher bekommen und die kurze Wanderung durch das Tal genießen können. Anders als im verschlafenen Hokitika treffen wir hier bereits auf weitaus größere Touristenmassen. Zu unserer Verwunderung ist die Sprache die hier hauptsächlich gesprochen wird….Deutsch. (Was sich im weiteren Verlauf der Reise noch schlagartig ändern wird, aber wer glaubt, dass wir dann mehr Englisch hören, der irrt.) Nach einem kurzen Zwischenstopp, bei dem wir noch einen Blick auf den Flox Gletscher erhaschen bevor Wolken endgültig den Himmel verdunkeln, geht es weiter nach Haast. Das Örtchen Haast hat ganze 20 Häuser und in etwa 50 Einwohner, zumindest kommt mir das so vor. Sogar auf der Landkarte sieht es größer aus als in echt. Überhaupt kommen wir auf unserer Reise immer wieder durch lange Streifen von Land, auf denen kein einziger Mensch wohnt. Nur die lieben Schafe und hin und wieder ein paar Kühe sind allgegenwärtig. Haast besitzt, soweit ich das beurteilen kann, ein „Hotel“, eine Tankstelle und einen kleinen Lebensmittelladen in dem alles ein wenig teurer ist als anderswo, was aber aufgrund der „Umstände“ irgendwie verständlich ist. Haast bietet alles was wir für die Übernachtung und die Weiterfahrt brauchen und auch über unser Zimmer lässt sich nicht meckern. Wir sind zufrieden.

Am nächsten Morgen ist der Himmel verhangen und als wir unsere Riesenrucksäcke zurück ins Auto stopfen beginnt es bereits zu tröpfeln. Westküste halt, damit haben wir uns schon abgefunden. Trotzdem wollen wir noch einmal ans Meer, schließlich geht es ab heute wieder ins Landesinnere. Fünf Minuten später stehen wir am Strand von Haast. Abgesehen von zwei Ziegen und einem rundlichen Pony, denen das feuchtkalte Wetter nichts auszumachen scheint, ist der Strand und die Umgebung drumherum ziemlich verlassen. Ich tue es den Ziegen gleich und starre stoisch vor mich hin. Aufs Meer hinaus. Ich mag das Meer. Das sanfte Wellenrauschen. Wenn man den Blick nach links und rechts wendet sieht man endlos langen Strand. Es beginnt wieder zu regnen. „Sollen wir weiter?“ „Ja bitte.“

Zurück im warmen Auto geht’s ab Richtung Wanaka. Mittlerweile habe ich mich an die neuseeländischen Straßen gewöhnt. Sie sind deutlich schmäler als die in den USA, also in etwa so breit wie die Straßen in Österreich. Überhaupt fühlt sich das Fahren auf der linken Seite richtiger an als das Fahren rechts, woran das liegt kann ich jedoch nicht beurteilen. Immer wieder gibt es unzählige Brücken, die kleine Bäche und größere Flüsse in wunderschönen Türkistönen überqueren. Bei den meisten Brücken wird die Fahrbahn einspurig und man muss gut auf die Schilder achten, auf denen klar und deutlich zu sehen ist wer Vorrang hat. Tut man das nicht, so kann es sein, dass einem ein anderer Wagen entgegenfährt obwohl man eine Nanosekunde (ich behaupte ja noch immer, dass es mehr waren) früher auf der Brücke war und einem den Weg versperrt, sodass man zurücksetzen muss. Nur so viel sei hier angemerkt, die unfreundlich dreinschauenden Leute in dem entgegenkommenden Wagen waren keine Einheimischen. Ich bin mir noch immer keiner Schuld bewusst, auch wenn mein Sitznachbar das anders sieht, und tuckere die Straße entlang weiter. Es ist ein ständiges Hin und Her zwischen Wolken, Nieseln und Regnen und so halten wir die kurzen Ausflüge zu nahe gelegenen Wasserfällen und sonstigen Naturschauspielen eher kurz. Glücklicherweise ändert sich das Wetter, als wir am Nachmittag an Lake Wanaka und Lake Hawea vorbei auf Wanaka zufahren. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und ich bin wieder bereit öfter aus dem Auto auszusteigen um die Landschaft zu erkunden und Fotos zu schießen.

Ich mag das kleine Örtchen Wanaka auf Anhieb. Es erinnert mich ein wenig an den See, in dessen Nähe ich aufgewachsen bin. Wenn ich richtig verstehe ist Wanaka so etwas wie der kleine Bruder/die kleine Schwester des allseits (und vor allem unter Adrenalin Junkies) beliebten Queenstown. Das es dort wunderschön und preislich angeblich noch etwas günstiger ist scheint sich herumgesprochen zu haben, denn Dank Zuzug und Tourismus hat sich die Anzahl der Bewohner von 1996 bis 2006 verdoppelt und den Baustellen nach zu urteilen scheint der kleine Ort auch weiterhin stetig zu wachsen. Als wir dort ankommen ist gerade ein Triathlon im Gange. Kein Wunder, dass fast alles ausgebucht war. Wie wir aber bald daraufhin erfahren gibt es auch noch einen weiteren Grund für den Schlafplatzmangel – es ist Chinesisches Neujahr. Wie wir uns von einem netten, jungen Pärchen von irgendwo aus China (ich kann mir den Ort beim besten Willen nicht merken) erklären lassen, hat man in China im Durchschnitt 5 Tage frei. Das plus die 7 Tage die man zu Neujahr frei bekommt machen zusammengenommen die perfekte Urlaubsmöglichkeit. Ja, was soll ich sagen. Ein großer Teil der chinesischen Bevölkerung scheint übereingekommen zu sein, dass Neuseeland ein hübsches Plätzchen ist um genau diese 12 Urlaubstage zu verbringen. Uns solls recht sein, hat es doch dazu geführt, dass wir für die Übernachtung in Wanaka eine Unterkunft gebucht haben, die ein klitzekleines bisschen über dem liegt, was wir sonst so für eine Übernachtung ausgeben. Und das bisschen mehr verschafft uns eine Unterkunft, die ich sofort zur Schönsten der ganzen Reise erkläre. Nachdem wir uns einen Kaffee am See gegönnt haben (ich vermute es war der vierte an diesem Tag aber wer zählt schon so genau mit und außerdem zählen vier Neuseelandkaffees so viel wie ein Amerikanischer…zumindest rede ich mir das ein) trudeln wir Mitte Nachmittag in der Wanaka Haven Lodge ein und was soll ich sagen…meine Motivation die Unterkunft an diesem Tag noch einmal zu verlassen sank in dem Moment gegen Null, als ich den großzügig eingerichteten Wohn- und Essbereich, mit dem hinter der Glasfront liegenden Pool mit Bergpanorama sah (nicht zu vergessen der Kaffeevollautomat mit dem besten Kaffee, den wir auf unserer gesamten Neuseelandreise getrunken haben).

Ich bin selig, Andi ist hungrig. Also lasse ich mich erweichen und wir fahren noch einmal in den Ort zurück um etwas zu Essen zu besorgen. Eigentlich bin ich ja auch hungrig…Andi weiß das. Vermutlich wollte er deswegen was zu Essen holen. Wenn ich hungrig bin werde ich ungemütlich. In der Abendstimmung sitzen wir am Ufer des Sees und beobachten die Bergketten während jede freie Stelle Haut von Mücken attackiert wird. Wie sich über Nacht herausstellt schläft Andi auch mit fiesen Mückenstichen gut. Ich nicht. Mein Körper reagiert unfreundlich auf die kleinen Biester. Das weiß ich zu dem Zeitpunkt jedoch noch nicht und so mampfe ich friedlich meinen Gemüsewrap und freue mich innerlich schon riesig auf die für morgen geplante Wanderung auf den Roys Peak. Das Wetter soll schön werden. Endlich. Ich sehe meine Australien-Bräune schon schwinden. Nicht das es wirklich darum geht, aber ein bisschen eitel ist man halt schon. Nur so ganz ein kleines bisschen. In der Nacht beschließe ich noch das, sollten wir irgendwann mal ein Häuschen haben, es so aussehen soll wie die Wanaka Haven Lodge. Mit dem Gedanken schlummere ich friedlich ein.

Fortsetzung folgt…