Australien & Neuseeland, Reisetagebuch III (Neuseeland)

Als der Wecker am nächsten Morgen klingelt ist es draußen noch dunkel. Ich habe es gerade mal geschafft ein Bein so weit zu bewegen, dass es aus dem Bett baumelt, da steht Andi auch schon mit zwei Tassen dampfendem Kaffee im Zimmer. Wann er es geschafft hat in seine Wanderklamotten zu schlüpfen und das Zimmer zu verlassen ist mir schleierhaft. Ich sippe an dem heißen Gebräu und genieße, dass die Wirkung langsam einsetzt. Zum Glück war ich so schlau und habe schon am Vortag alles zurück in den großen Reiserucksack gestopft, sodass ich mir das Ungetüm nun nur mehr auf den Rücken hieven muss. Ein letzter sehnsüchtiger Blick zurück ins Zimmer und zu dem großen Bett, das bestimmt noch immer warm ist. Wir haben nichts vergessen, es kann losgehen. Draußen beginnt es bereits zu dämmern. Kurz haben wir überlegt so früh loszuwandern, dass wir bei Sonnenaufgang am Gipfel sind aber da wir keine Stirnlampen dabeihaben, haben wir die Idee schnell wieder aufgegeben. Gerade eben bin ich sehr dankbar dafür. Die Fahrt ist kurz. Nur ein paar Minuten auf leeren Straßen (Wanaka scheint noch tief und fest zu schlafen) und wir kommen am Parkplatz, and dem die Wanderung auf den Roys Peak beginnt, an. Und erleben eine Überraschung. Der Parkplatz ist fast voll. Himmel…und ich war immer der Ansicht wir wären die Frühaufsteher. Zwischendrin finden sich ein paar freie Plätze und noch während wir das Auto rückwärts in eine Lücke bugstieren kommen mehr und mehr Motivierte hinzu. Damit hatten wir nicht gerechnet. Zu unserer Erleichterung zerstreut sich das Feld jedoch recht schnell. Der überraschend breite Weg steigt stetig an, sodass man schon auf den ersten Metern deutlich an Höhe gewinnt. Ich bin mittlerweile hellwach und würde am liebsten die ganze Welt umarmen. Das liegt vermutlich nicht nur am Kaffee, sondern auch am Sauerstoff. Wanderungen in Colorado und eine Wanderung in Neuseeland sind ein haushoher Unterschied, zumindest für mich. Andi ist da ein wenig robuster. Jedenfalls stelle ich begeistert fest, dass das Durchatmen hier leichter fällt und so kommen wir rasch voran. Auf halber Höhe treffen wir dann auf andere Wanderer, die den Gipfel scheinbar bereits erklommen haben. Wann sind die denn bitte aufgebrochen? Um Mitternacht? Noch eine Biegung und dann haben wir den ersten Aussichtspunkt und somit auch den Platz, an dem viele ihre Wanderung beenden, erreicht. Ich bin ein bisschen sprachlos und auch Andi schweigt. Die Aussicht, die sich vor uns ausbreitet, kann man aber auch schwer in Worte fassen.

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Auf dem Weg zum Gipfel werden die Wanderer immer weniger und als wir schließlich die Spitze erreichen, teilen wir uns die kleine Plattform, auf der anstatt eines Kreuzes ein Sendemasten steht, nur mit drei anderen. Dann sind wir alleine. Der Wind pfeift und ich habe von Hose und Trägerleibchen zu Hose und Trägerleibchen und T-Shirt und Pullover und Jacke und Stirnband und Kapuze gewechselt. Die Handschuhe, die ich in diesem Moment wirklich brauchen könnte, liegen irgendwo in Colorado. Trotz dem plötzlichen Temperatursturz bleiben wir noch ein bisschen. Die Aussicht ist einfach phänomenal und wir beschließen sie trotz Gänsehaut noch ein wenig zu genießen.
Zurück beim Auto blicke ich noch einmal zum Gipfel des Roys Peak hoch. Es sind nun schon deutlich mehr Menschen, die den Anstieg wagen, wobei man überall gestrandete Grüppchen am Wegrand sitzen und eine ausgedehnte Pause einlegen sieht. Ich frage mich ob diese Pause gleichzeitig das Ende ihrer Wanderung bedeutet, da sie sich kaum 20 Minuten vom Parkplatz entfernt befinden. Ein paar Wolken ziehen herein und ich bin dankbar, dass wir so früh gestartet sind. (Im Nachhinein bin ich immer dankbar.) 😉 Fast ein bisschen wehmütig verlassen wir Wanaka und fahren weiter nach Queenstown, wo wir die nächsten beiden Nächte verbringen werden. Die Fahrt dauert nur eine Stunde, aber als wir uns Queenstown, der heimlichen Touristenhochburg der Südinsel, nähern, nimmt der Verkehr deutlich zu und wir kommen nur langsam voran.

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Queenstown ist ein hübscher Ort. Direkt am Lake Wakatipu gelegen und von einer atemberaubenden Bergkulisse umrahmt, wird schnell klar warum das Örtchen bei Urlaubern so beliebt ist. Vor allem Adrenalinjunkies scheinen hier auf ihre Kosten zu kommen. Vom Bungee-Jumping, über Skydiving, Helikopterflüge und ähnlichem wird hier so ziemlich alles angeboten. Nachdem wir ein bisschen durch die Straßen gebummelt sind machen wir uns auf den Weg zu unserer Unterkunft. Das kleine Häuschen, in dem wir untergebracht sind, liegt ein wenig abseits vom Ort und hat eine wunderschöne Aussicht auf die umliegenden Gipfel. Die vier Gästezimmer teilen sich ein gemeinsames Bad, was wider Erwarten absolut kein Problem darstellt. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sich von den anderen Gästen niemand gewaschen hat oder ob sie dabei einfach so viel schneller waren als wir, aber das Bad scheint ständig frei zu sein. Mir ists recht. Außer uns ist noch ein älteres Pärchen aus Norwegen da und zwei junge Pärchen aus China. Der Besitzer des kleinen Ferienhauses ist auch aus China. Und die meisten der Touristen, die sich durch die Gassen von Queenstown schieben scheinen auch von dort zu sein. Ein kleines bisschen fühlen wir uns wie in Asien, was ganz lustig ist wenn man bedenkt, dass Neuseeland doch ein gutes Stück von dort entfernt ist. Das junge Paar, das sich in der geräumigen Wohnküche, die wir uns alle teilen, aufhält ist nett und kurz darauf sind wir in ein Gespräch vertieft. Wir erfahren, dass keiner von ihnen seinen Job mag. Von der Stadt in der sie leben und arbeiten (ich hab mir den Namen leider nicht gemerkt) sind sie auch nicht so begeistert. Aber Neuseeland gefällt ihnen. Sehr sogar. Vielleicht ziehen sie irgendwann mal hierher. Mir fällt wieder auf, wie klein die Welt plötzlich erscheint, wenn man reist. Man braucht nur in den Flieger zu steigen und alles scheint in Reichweite. Dennoch bin ich plötzlich sehr, sehr dankbar, dass ich an einem Ort aufwachsen durfte, den ich liebe und mittlerweile an einem Platz wohne, den mindestens genauso mag. Unsere neu gewonnen Bekanntschaften scheinen bei dem Gedanken am nächsten Tag wieder in den Fliegen zu steigen und in ihren Alltag zurückzukehren nicht so erfreut zu sein. Schließlich verkrümeln wir uns in unser Zimmer. Es ist spät und wir haben noch keine Pläne für den nächsten Tag geschmiedet.

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Um es kurz zu machen: Das Wetter für den kommenden Tag sieht nicht gut aus. Gar nicht gut. Nach langem Hin und Her beschließen wir Milford Sound aus unserer Reiseplanung zu streichen. Der Fjord zählt zwar zu den bekanntesten Touristenattraktionen des Landes, aber nachdem der Wetterbericht heftigen Regen zeigt, die Fahrt hin und zurück zirka 8 Stunden dauert und die Chancen hoch sind, dass die Boote dort aufgrund des chinesischen Neujahrs und der Tatsache, dass so gut wie jeder Tourist dort hinwill, völlig überbevölkert sind, lassen wir den Fjord ausfallen. Stattdessen unternehmen wir einen Ausflug zum Nordufer des Lake Wakatipu und sehen uns den kleinen Ort Glenorchy an. Die Fahrt am See entlang ist trotz des wolkenverhangenen Himmels wunderschön und wir sind uns einig, dass es eine gute Entscheidung war nicht nach Milford Sound zu fahren. Wir erkunden noch ein bisschen die Umgebung, das Wetter lässt sogar einen kleinen Spaziergang zu, und fahren schließlich zurück Richtung Queenstown, wo wir umsiedeln und unsere nächste Herberge beziehen. Diesmal direkt im Ort. Mittlerweile sind wir schon Meister im „Rucksäcke nur mehr zu Hälfte auspacken und am nächsten Tag alles fein säuberlich hineinstopfen“. Nach einem kurzen Blick auf den Wetterbericht müssen wir feststellen, dass es auch weiterhin regnerisch bleibt. Wir machen das Beste daraus und stehen frühmorgens auf, da die Chancen auf ein paar trockene Stunden da noch am höchsten sind, und wandern auf den Queenstown Hill. Und wir haben Glück. Während der kurzen Wanderung nieselt es nur ein paar Mal und auch wenn die Berggipfel in Wolken getaucht sind hat man von dem kleine Hügel aus eine hübsche Aussicht. Gute zwei Stunden später sind wir wieder im Auto und auf dem Weg zu unserer nächsten Unterkunft. Mittlerweile hat es zu schütten begonnen und auch deutlich abgekühlt. Das tut unserer Laune jedoch keinen Abbruch, denn wir übernachten im Weinbaugebiet und nachdem wir festgestellt haben, dass unser Zimmer super geräumig und richtig gemütlich ist, und es um 5 Uhr nachmittags eine Weinverkostung gibt, sind wir überzeugt davon, dass auch ein Regentag seine guten Seiten hat.

Als wir am nächsten Morgen aufwachen ist es bereits spät. Wir haben länger geschlafen. Zum einen, weil es draußen regnet und zum anderen, weil es vielleicht doch keine so gute Idee war nach der Weinverkostung noch eine Flasche mit aufs Zimmer zu nehmen. Aber hauptsächlich wegen dem Wetter. 😉 Für heute steht Aoraki, oder auch Mt. Cook genannt, auf dem Programm. Er ist mit 3724m der höchste Berg Neuseelands. Aoraki liegt im Mt.Cook Nationalpark und dort befindet sich auch der Hooker Valley Track, eine der beliebtesten Wanderungen im Park. Über schmale Pfade und Hängebrücken führt der Weg immer weiter in das weite Tal hinein. Wasserfälle und Gletscher bahnen sich ihren Weg und obwohl die Gipfel der Berge wieder von Wolken verhangen sind, öffnet sich manchmal ein kleines Fenster und lässt uns staunen. Wo wir bereits den Himmel erwarten recken sich noch immer Felswände empor und wir können uns nur ausmalen wie beeindruckend die umliegenden Berge bei klarem Wetter sein müssen. Das regnerische Wetter hat aber auch seine guten Seiten. Es gibt dem Tal etwas Mystisches und ich bin froh, dass ich aus dem Auto ausgestiegen bin und mich nicht mit einem Buch und 3 Jacken auf der Rückbank eingenistet und Andi mit Regenschirm bewaffnet alleine losgeschickt habe.

Als wir aus dem Tal zurück Richtung unserer nächsten Unterkunft fahren, beginnt es sogar ein wenig aufzuklaren und wir genießen die Fahrt, die uns an einem der unzähligen türkisblauen Seen entlang Richtung Tekapo führt. Als wir am Abend dort ankommen ist es noch einmal kühler und am nächsten Morgen wird auch klar warum. Es hat geschneit. Ein gutes Stück der Berge ist unter einer weißen Schneedecke begraben und auch wenn es nicht ganz bis ins Tal geschneit hat, hat man das Gefühl, dass man den Schnee sogar hier unten riechen kann. Wir sehen uns noch „The Church oft the Good Shepard” (die Kirche des guten Hirten) an, die ein bekanntes Fotomotiv ist und sich an diesem Morgen düster gegen den grauen Himmel abhebt. Nachdem wir sie einmal umrundet haben flüchten wir zurück ins geheizte Auto. Die geplante Morgenwanderung lassen wir einstimmig ausfallen. Auf geht’s zu unserem letzten Ziel auf dieser Reise und gleichzeitig dem Ausgangspunkt für den Heimflug: Christchurch. Nach nur zwei Stunden Fahrt ist der Himmel tiefblau und nur noch vereinzelt zeihen ein paar Wölkchen dahin. Wir suchen nach einer Gelegenheit um das Auto abzustellen und einen kleinen Spaziergang einzulegen und werden fündig. Abseits der Straße parken wir den Wagen unter einem großen Baum und spazieren einen kleinen Feldweg entlang. Die Landschaft hat sich während der kurzen Autofahrt stark verändert. Hier ist alles saftig grün und sanfte Hügel fügen sich fließend in das Landschaftsbild ein. In der Ferne sieht man die schneebedeckten Berge. Es ist ein schöner Abschluss für unsere Reise.

Am nächsten Morgen ist um 3 Uhr früh Tagewache. Knapp nach 6 Uhr hebt der Flieger ab und bringt uns zurück nach Sydney. Dort haben wir eine Wartezeit von 4 Stunden und fast bin ich versucht den Flughafen zu verlassen, nur um noch einmal ganz kurz ein wenig Sydneyluft zu schnuppern. Sydneyluft macht süchtig. 😉 Die Vernunft siegt und ich bleibe brav im Flughafen und warte auf den Anschlussflug nach LA. Nach guten 13 Stunden Flug kommen wir in der Stadt der Engel an. Wieder 3 Stunden Wartezeit. Nach etwas mehr als 2 Stunden Flugzeit erreichen wir schließlich Denver. Wir sind zurück. Am 23. Feber sind wir in Christchurch gestartet und nach fast 2 Tagen Reise sind wir an unserem Ziel angekommen. Es ist noch immer der 23.Feber. Irgendwie verrückt. Zumindest bin ich mir ziemlich sicher, dass es Freitag ist. …aber gewettet hätte ich darauf in diesem Moment nicht. Ab gehts in den Bus nach Boulder und nach einer knappen Stunde Fahrt stehen wir in unserer Wohnung. Irgendwie fühlt es sich fast ein wenig unwirklich an wieder hier zu sein. Wir laden unsere Rucksäcke ab, steigen ins Auto und treffen uns zum Abendessen mit dem lieben, älteren Ehepaar, dass auf unseren Marley aufpasst, wenn wir auf Reisen gehen. Als wir das Restaurant verlassen hat es zu schneien begonnen und bald ist die Fahrt nur mehr im Schritttempo möglich. Daheim ankommen stellen wir fest, dass es fast 23Uhr ist.

3 Wochen Reisen liegen hinter uns. Es ist gut wieder zurück in Boulder zu sein…und gleichzeitig kann ich es kaum erwarten unseren nächsten Trip zu planen. ...eine Woche später sitzen wir am Küchentisch und tun genau das – wir reservieren unseren Mietwagen für Kanada und buchen die Flüge nach Hawaii. …aber das ist eine andere Geschichte 😉

So ihr Lieben, ich beende hiermit die „Australien & Neuseeland Einträge“ (…zumindest für diese Reise) 😉  Zum Abschluss noch ein paar Foto Highlights von Sydney.

Ich hoffe euch hat das Lesen Spaß gemacht und vielleicht sogar ein bisschen zum Reisen inspiriert. Der nächste Reiseeintrag kommt dann im Mai mit Kanada und bis dahin…halte ich euch ein bisschen über das am Laufenden, was so in Boulder passiert.

Alles Liebe & bis bald, Marina