Geschichten aus dem Yogastudio I

Eigentlich hat der Tag ganz gut begonnen. Ich fühle mich schon ein wenig wohler in dem kleinen Yogastudio, das ein bisschen an ein Wohnzimmer erinnert. Langsam lasse ich meinen Blick über die große gemütliche Couch in der Ecke schweifen und bleibe dann an den Bergen hängen, deren Gipfel man sowohl vom Yogaraum, als auch vom Empfang aus gut sehen kann.

Wir (das sind Hubby, Hund und ich) sind vor ein paar Monaten von Österreich in die USA gezogen. Das Studio in dem ich jetzt gerade am Empfang sitze ist jenes, in dem ich auch meine Yoga Grundausbildung absolviert habe. Wie sich später herausstellen soll eine der besten Entscheidungen überhaupt, denn so lerne ich nicht nur die meisten meiner Freunde kennen, sondern es ist auch das Studio in dem ich, neben ein paar wenigen Stunden in anderen Studios, hauptsächlich unterrichten werde. Das weiß ich aber zu dem Zeitpunkt noch nicht. Alles was ich weiß ist, dass ich es ziemlich mutig vom Besitzer des Studios finde ein Mädchen mit breitem Akzent an den Empfang zu setzen, das zu dem Zeitpunkt vom fließend gesprochenen Englisch noch weit entfernt ist (von Grammatik und Wortschatz ganz zu schweigen) und in ihrem Leben noch nie einen Apple Computer bedient hat. Aus irgendeinem Grund scheint er mir aber zu vertrauen und ich nehme mir vor sein Vertrauen nicht zu enttäuschen, was sich schon am ersten Tag als schwierig herausstellt, da ich bei dem verdammten Apple Ding nicht mal den Einschaltknopf finde.

Ich sitze also hinterm Tresen und starre auf die Berge. Äußerlich ruhig und in guter Yogamanier, ist es innerlich ganz und gar nicht ruhig. Innerlich herrscht Alarmbereitschaft. Aber das bemerkt niemand. Hoffe ich zumindest. Meine Aufgabe ist es die Studenten, die mir ihren Namen entgegennuscheln und dann ohne eine Reaktion abzuwarten in die betreffende Klasse rennen, einzutragen. Manche sind neu, denen erkläre ich wie alles abläuft, helfe ihnen einen Zehnerblock, Mitgliedschaft oder was wir halt sonst noch so anbieten (wer soll sich denn auch bei den all den Angeboten, Vergünstigungen und dem ganzen Zeug für besondere Feiertage, die ich mir eh nicht merken kann, zurechtfinden) zu finden, je nachdem was gut für sie passt (zu dem Zeitpunkt habe ich keine Ahnung was gut passt und halte ihnen mit einem breiten Lächeln den ausgedruckten Zettel mit all unseren Optionen unter die Nase und hoffe, dass das reicht). Außerdem bin ich für den Verkauf von Yogazeugs (vorwiegend teure Yogahosen, deren Farben so aussehen als hätte sich ein Einhorn darauf übergeben und ein paar Sprays die mich stark an den Geruch von faulendem Herbstlaub erinnern) verantwortlich und dafür, dass die kühlen, nach Lavendelöl duftenden Handtücher, die man sich am Ende der Klasse aufs Gesicht packt gewaschen, getrocknet und hübsch sauber gerollt sind. Böse Zungen würden behaupten, dass das ein „Abstieg“ ist, nachdem ich bereits einige Jahre als Physiotherapeutin gearbeitet habe aber ganz ehrlich,  es macht mir Spaß und ich sehe es als Chance. Es ist meine Chance den „Fuß in die Tür“ zu bekommen und mir einen Platz in dem von Yogalehrern vollkommen überbevölkerten Boulder zu sichern, in der Hoffnung, dass ich es einmal von der „Empfangsdame“ zur Yogalehrerin schaffen werde. Und ja, ich hab auch so eine Einhornkotze-Hose. Ich mag sie. Sie ist bequem. Und nein, wir verkaufen die Hosen und Sprays die wir vor 3 Jahren hatten heute nicht mehr. Das Gewand ist jetzt wieder einfärbiger und statt Sprays haben wir jetzt Malas und Sandsäcke (was das ist und wozu es benutzt wird erklär ich ein anderes Mal). Jedenfalls ist die Arbeit am Empfang abwechslungsreich und zumindest in den ersten paar Wochen und Monaten herausfordernd. Wenn ich heute an die Zeit zurückdenke tut es mir fast leid, dass ich nicht mehr von den Hoppalas, die mir damals so passiert sind, niedergeschrieben habe. Zumindest ein paar davon sind mir aber noch in ("guter") Erinnerung geblieben….

Ich sitze also am Empfang, äußerlich Yogi, innerlich Rumpelstilzchen (wie es eine liebe Freundin von mir einmal so treffend ausgedrückt hat). Vor der wunderschönen Bergkulisse erscheint eine Frau. Mit der Yogamatte unterm Arm erklimmt sie die Stufen und marschiert schnurstracks auf unsere Eingangstür zu. Es sind nur mehr zehn Minuten bis die nächste Stunde beginnt. Mittlerweile weiß ich, dass es eine gut besuchte Stunde ist. Das ist nicht gut. Gar nicht gut. Ich meine ... ist natürlich toll, wenn die Stunde so gut läuft aber was gar nicht toll ist, ist dass die meisten Studenten 2 Minuten vor Beginn panikartig das Studio stürmen. Wie sowas ausgeht habe ich in der vergangenen Woche erfahren. Nach dem Tag lag ich in Embryohaltung auf der Couch und war erst nach 3 Folgen Gilmore Girls wieder ansprechbar.

„Das Gras wird gebeten über die Sache zu wachsen. Das Gras bitte.“

Mein Magen krampft sich zusammen. Die Lehrerin ist noch immer nicht da. Ich sitze allein am Empfang. Wenn ich mich doch nur wenigstens mit dem Computerprogramm auskennen würde. Ich finde es kompliziert, umständlich und schlichtweg doof. Und absolut ausländerunfreundlich. Unglaublich wie viele Wörter da auf einen Bildschirm passen, deren Bedeutung ich nicht verstehe. Leider habe ich die Zeit nicht, um jedes einzelne Wort, das auftaucht, im Wörterbuch nachzuschlagen. Ich arbeite also nach dem „Probieren geht über Studieren“ Prinzip. Einfach mal drauflosdrücken und mit ein bisschen Geduld und Kreativität kommt man dann schon zum Ziel… oder auch woanders hin. Ich hege zwar den Verdacht, dass ich bei meinen Versuchen einen gewissen Schaden anrichte, aber das ist mir zu dem Zeitpunkt egal. Solange ich herausfinden kann, wie ich die $7 Gutschrift auf dem Konto des Studenten verwenden kann, bin ich glücklich. ...das war letzte Woche eine Herausforderung. Ich fand es nach ein paar missglückten Versuchen heraus und war natürlich mächtig stolz. Als sich dann herausstellt, dass sich betreffender Student dazu entschlossen hat mir das Leben aber noch ein wenig weiter zu erschweren, weil er das was noch an Restzahlung für die Stunde übrig ist halb mit Kreditkarte und halb in Bar zahlen möchte, sinkt meine Laune schlagartig gegen Null. Ich hämmere auf die Tasten ein, als wäre der Computer Schuld daran und setze dabei eine so konzentrierte Miene auf, dass man tatsächlich meinen würde ich hätte eine Ahnung von dem was ich gerade tue. Schließlich wende ich mich mit ausdrucksloser Mine dem immer ungeduldiger werdenden Studenten zu, um ihm zu erklären, dass unser System das nicht zulässt. Er braucht ja nicht zu wissen, dass das was er will eigentlich keine große Sache ist und ich nur überhaupt keinen Schimmer habe wie es funktioniert. Was zählt ist, dass er letztendlich zahlt. Und zwar mit Karte. Den gesamten Betrag. Und dann verschwindet er in den Yogaraum. Zu dem Zeitpunkt braucht er das Yoga bereits mindestens genauso dringend wie ich. Einatmen, Ausatmen. Alles wird gut.

Yoga Vase & Mala.jpg

Blöderweise ist jetzt aber gerade gar nichts gut. Die Frau mit der Yogamatte hat die Eingangstür zum Studio fast erreicht und ich kann mich noch immer nicht an ihren Namen erinnern. Mist, Mist, Mist. Irgendwie sehen alle Frauen in Boulder gleich aus. Gleiches Gewand, gleiche Figur, gleiche Frisur, gleiches Alter. Zumindest kommt es mir zu dem Zeitpunkt so vor. Hin und wieder verirrt sich mal jemand ins Studio, der aus irgendeinem Grund „anders“ aussieht. Da freu ich mich dann riesig, weil die Chancen, dass ich mir den Namen desjenigen merke deutlich besser stehen. Ab und an vergesse ich ihn trotzdem. Die Dame, die jetzt durch die Tür schwebt, ist eine typische Boulder-Yoga-Frau. Ich weiß, dass ich mich mittlerweile an ihren Namen erinnern müsste, schließlich hab ich sie schon ein paar Mal im Studio gesehen. Ich durchforste mein Hirn nach einem Hinweis, aber da ist nichts. Gähnende Leere. …Kathryn, Katharina, Cathy, Cindy, Cynthia, … Verdammt. Ich setze ein strahlendes Lächeln auf und hoffe, dass ich in letzter Sekunde eine Erleuchtung habe. Ich sitze schließlich im Yogastudio. Aber da leuchtet nix. Keine Ahnung wie die Frau heißt. Mein Lächeln muss ein wenig verrutscht sein, denn sie sieht mich irritiert an während sie einen Schritt näher kommt. „Kathy #*ß%§°“. „Oh, Hi Kathy.“, ich tue so als wäre mir ohnehin klar gewesen wie sie heißt und beginne in die Tasten zu klopfen. Wenn man den Vornamen richtig eintippt zeigt einem das System alle Studenten mit diesem Vornamen und man braucht nur noch auf die betreffende Person mit dem dazugehörigen Nachnamen zu klicken. Schlaues System. …blöd ist nur, dass sich gerade kein Nachname finden lässt, der wie #*ß%§° klingt. Jetzt wird es interessant. „Könntest du mir bitte deinen Nachnamen buchstabieren?“ Ist zwar grundsätzlich eine zulässige Frage (schließlich hab ich sie auch schon von Lehrern gehört), aber in Anbetracht dessen, dass besagte Studentin schon ein paar Mal hier war und ich mir ihren Namen hätte merken müssen wird die Situation etwas unangenehm. Mitfühlend sieht sie mich an und buchstabiert. „#-*-ß-%-§-°“ Mein Hirn verkrampft sich wie ein Wadenmuskel nach einem 100 Meter Sprint. Was zum Geiern war der erste Buchstabe? Zu dem Zeitpunkt ist mir bereits klar, dass es eine Sache ist das englische Alphabet im Schlaf herunterbeten zu können und eine vollkommen anderen, wenn einem jemand einen saudämlichen Nachnamen im Affentempo buchstabiert. Während das Drama seinen Lauf nimmt öffnet sich die Tür zum Studio und weitere Studenten strömen herein. Irgendetwas sagt mir, dass alle von ihnen bescheuerte Nachnamen haben und ich wette die Vornamen sind auch nicht besser. „Ääääähm, nochmal bitte.“ Das Mitgefühl im hübschen Gesicht der Studentin, die ebenfalls Einhornkotzeyogahosen trägt, schwindet. „#-*-ß-%-§-°“ Ok, das ist jetzt saupeinlich. Der Computer findet den Namen nicht. Ich würde die Schuld ja liebend gerne wieder auf das leblose Ding schieben, aber das lässt sich in dem Fall leider nicht machen. Die Dame vor mir ist offensichtlich eine regelmäßige Studentin deren Namen schon hundert Mal eingetippt wurde. …ziemlich sicher ohne das sie ihn vorher dreimal buchstabieren musste. Ich starre den Computer an. Die Studentin starrt mich an. Stille. Ich starre hoch zu ihr und dann schnell wieder auf den Bildschirm. Hinter ihr schieben sich weitere Studenten durch die Tür. Kann mir bitte jemand ein Loch graben in dem ich mich verkriechen kann? Gerade jetzt fällt mir etwas ein, das ich mal gelesen habe: „Das Gras wird gebeten über die Sache zu wachsen. Das Gras bitte.“ Ich grinse. Die Studentin grinst nicht. Sie starrt. Noch immer. Irgendwie habe ich das Gefühl sie verliert gleich die Nerven und ich bemühe mich mein Grinsen wieder einzustellen. Mein Blick fällt auf den kleinen Notizblock am Tisch. Scheißegal, an Peinlichkeit ist die Situation gerade ohnehin nicht mehr zu überbieten. Ich schiebe ihr den Notizblock und einen Stift hin: „Kannst du bitte deinen Namen aufschreiben?“ Ich versuche dabei nicht in Grund und Boden zu versinken und denke wieder an das Gras, das irgendwann über die Sache wachsen wird während ich den Drang unterdrücke laut zu schreien: „Das Gras bitte!“ Irgendjemand hat mal gesagt: „Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Das ist mir gerade egal. Alles was ich will ist ziehen. Und zwar so fest ich kann. Aber da ist kein Gras, also muss ich die Peinlichkeit aussitzen. Als mir die Studentin den Zettel reicht hat sie Vor- und Nachnamen darauf gekrizelt. Jetzt erst verstehe ich. Man schreibt Kathy nicht mit K, sondern mit C. Also Cathy. Ha, kein Wunder, dass der Computer es nicht geschafft hat den passenden Nachnamen zu finden. Also gar nicht meine Schuld. Wer heißt denn schon Cathy mit C? Die Studentin scheint nicht zu verstehen warum ich schon wieder so dämlich grinse. Als ich schließlich einen Daumen hochrecke, weil ich es nach 5 Minuten endlich geschafft habe ihren Namen einzutippen, rauscht sie an mir vorbei ohne mich noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.

Dann fällt mein Blick auf die Horde, die bereits hinter ihr wartet und mein Herz setzt einen Schlag aus. Von der Lehrerin ist noch immer keine Spur zu sehen. Ein großer, schlaksiger Typ der irgendwie nach Gras riecht baut sich vor mir auf. „fgajegfhff kahabvbkhrlah“ Ich starre ihn mit offenem Mund an. Bitte sag nicht, dass das sein Name ist. Nachdem er daraufhin verstummt muss ich jedoch vom Schlimmsten ausgehen. Ich wage es noch einmal nachzufragen und er wiederholt die sinnlose Aneinanderreihung von Buchstaben. Himmel hilf, wenn das so weitergeht sitze ich morgen Früh noch hier und verliere dabei ganz nebenher mein letztes Fitzerl Selbstachtung. In dem Moment geht die Tür auf und die Yogalehrerin schwebt herein. Viel zu spät, denn eigentlich sollte sie schon seit einer halben Stunde neben mir sitzen und ebenfalls die Studenten für ihre Klasse eintragen, aber ich bin einfach nur heilfroh, dass sie da ist. Binnen weniger Minuten hat sie mindestens zehn Studenten eingetragen während ich mich noch immer mit dem Namen des Typen abmühe, dessen Augen so glasig sind, dass ich mir mittlerweile sogar sicher bin, dass er eingeraucht ist. Sein Zustand kommt mir zugute, denn er hat überhaupt keine Eile und sein verrutschtes Lächeln sorgt dafür, dass ich mich ein wenig entspanne, auch wenn es vermutlich eher mitleidig ist. Als sich schließlich die Tür zum Yogaraum schließt und ich alleine im Vorraum zurückbleibe atme ich tief durch. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob die zwei Tage die Woche, in denen ich am Empfang arbeite, die gratis Yogastunden die ich dafür nehmen kann wirklich wert sind.

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Ich bin vollkommen in Gedanken versunken als plötzlich wieder die Tür aufgeht und mich damit in die Gegenwart zurückreißt. Was ich als erstes sehe sind Regenbogenyogapants. Sie gehören einer Frau mit athletischer Figur im mittleren Alter, die denselben Haarschnitt trägt wie die meisten und genauso gestresst wirkt wie jeder, der fünf Minuten zu spät zur Stunde erscheint. Das einzige was ich mit Sicherheit sonst noch über sie sagen kann ist, dass ich ihren Namen mittlerweile wissen müsste. Ich kenne sie. Komm schon Hirn …. Susann, Susi, Suzi, Susanna, Serin, …. S….. „Hey, ich hab dich, du kannst gleich durch in die Klasse.“ Ich tue so als würde ich in die Tasten tippen und ihren Namen eintragen und sie lächelt mich dankbar an und rauscht in den Raum. So einfach ist es Leute glücklich zu machen. Sie ist zufrieden und ich musste nicht im Erdboden versinken. Nur die leere Namenszeile am Computerbildschirm sieht mich strafend an. Ich starre stur zurück. Was kann ich denn dafür, dass hier niemand einen „normalen“ Namen hat. Und dann plötzlich fällt es mir ein. Wie aus dem Nichts erinnere ich mich an ihren Namen. Mit S als ersten Buchstaben war ich jedoch vollkommen auf dem Holzweg. Freudenstrahlend tippe ich vor mich hin. Ein Erfolg.  Den muss ich feiern sobald ich nachhause komme. Beschwingt springe ich vom Stuhl, denn meine Arbeit ist für heute erledigt, als plötzlich das Telefon läutet. Ich erstarre mitten in der Bewegung. Am liebsten würde ich auf die Knie fallen und „WARUM?!“ brüllen. Das einzige, das Schlimmer ist als Studenten dabei gegenüberzustehen, wenn man sie zum vierten Mal darum bittet ihren Namen zu buchstabieren ist, wenn man sie dabei am Telefon hat. Da verstehe ich nämlich noch weniger. Ich starre das kleine schwarze Ding an, als wäre es der Teufel höchstpersönlich und stelle mir vor wie es zu rauchen anfängt und das Läuten verstummt. Aber es raucht nicht und das Läuten ist so laut, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass man es bis in den Yogaraum hört. Himmelarschundfriedrich. Ich greife nach dem kleinen schwarzen Monster und wappne mich innerlich für das was mir bevorsteht. Ich habe noch nicht einmal Hallo gesagt, als am anderen Ende der Leitung ein Redeschwall ausbricht. Der Namen des Betreffenden wird schnell zu meinem kleinsten Problem und für einen kurzen Moment ziehe ich ernsthaft in Erwägung zischende Geräusche von mir zu geben und so zu tun als wäre der Empfang schlecht um dann einfach aufzulegen. Vielleicht habe ich das auch getan. Wer weiß das schon so genau. Ist ja auch ein Weilchen her. Das einzige woran ich mich mit Sicherheit drei Jahre später noch immer erinnern kann ist, dass mein einziger Gedanke damals war: „Das Gras wird gebeten über die Sache zu wachsen. Das Gras bitte!!

All das ist mittlerweile eine gefühlte Ewigkeit her. Ich kenne die meisten der Studenten und weiß bei manchen sogar die Namen ihrer Familienangehörigen und Haustiere. Ich hab mich mit Apple Computern angefreundet und bin (meist) in der Lage genuschelte Vor- und Nachnamen zu verstehen. Außerdem arbeite ich nicht mehr am Empfang. Ich unterrichte. Bevor ich den Klassenraum betrete blicke ich noch einmal zu Andrea, die gerade erst angefangen hat im Studio auszuhelfen. Sie ist aus Italien. Während ich 90% meiner Studenten eingetragen habe versucht sie noch immer mit breitem Lächeln einem Neuzugang Auskünfte zu geben und ihn gleichzeitig in unser System einzutragen. „Alles klar, brauchst du noch Hilfe?“, ich sehe über die Schulter zu ihr zurück bevor ich den Klassenraum betrete. Sie lächelt tapfer und schüttelt den Kopf: „Nein danke, alles klar.“ Der Neuankömmling vor ihr ist sichtlich entnervt, weil sie es noch immer nicht geschafft hat seine ganzen Daten ins System einzutippen. Ihr Lächeln bröckelt ein wenig und ich frage mich ob sie sich heute Abend auch in Embryostellung auf der Couch drei Folgen Gilmore Girls ansehen wird.