Satya – vom Suchen und Finden der Wahrheit


„Die Wahrheit hat einen großen Vorteil,
du musst dir nicht merken was du gestern gesagt hast.“
VS“


Wenn wir von der Wahrheit reden, woran denkt ihr dann?
An die kleinen und großen Alltags(not)lügen?
Vielleicht an die Momente, in denen ihr als Kind der Mutter gestanden habt, dass die ihr die Schokolade schon vor dem Mittagessen vertilgt habt?
Satya / Wahrheit beinhaltet all das, was euch zu diesem Thema gerade in den Kopf kommt … und noch viel, viel mehr.
Satya bedeutet mit Integrität zu leben.

Was das heißt?

Wenn wir den Mut finden echt zu sein, authentisch zu sein,
dann bekommen wir einen Vorgeschmack auf die Freiheit,
die mit diesem 2. Prinzip aus dem Konzept der Yamas und Niyamas einhergeht.

Irgendwann habe ich mal im Zusammenhang mit Satya, der Wahrheit, gelesen:
man solle nicht „nett“ man soll „echt“ sein.
… das hat mich erstmal irrsinnig aufgeregt.
Aber irgendwann, nach einer Weile, begann es Sinn zu machen …

Echt zu sein verlangt einen gewissen Grad an Verwegenheit, an Spontanität.
Echtheit verlangt, dass wir auf eine Art und Weise agieren die zeigt, dass wir nichts zu verbergen haben.
Echt ist nicht immer einfach und es ist auch ganz sicher nicht immer angenehm.
Aber wenn wir uns mit authentischen, echten, Menschen umgeben, werden wir nur selten Überraschungen erleben.
Wer authentisch ist, ist vertrauenswürdig.

Was ist also der Grund dafür, dass wir so oft JA sagen, wenn wir doch eigentlich NEIN meinen?
Oder um es mit Carl Jungs Worten zu formulieren:


„Was ist so gefährlich an der Wahrheit, dass wir es stattdessen vorziehen zu lügen?“

Allzu oft vergessen wir, dass wir hier auf dieser Welt sind, um uns selbst zum Ausdruck zu bringen.
Dass wir unser eigenes Leben, und das der Menschen um uns herum, allein dadurch bereichern, indem wir wir-selbst sind.

Ich würde wohl keinen Blog-Post darüber schreiben, wenn das Ganze so einfach wäre.
Hier ist der Grund warum die ganze Sache mit der Wahrheit und dem authentischen Leben sich oft eher wie ein Spießrutenlauf durchs Mienenfeld anfühlt:

Das Bedürfnis dazuzugehören
vs
Der Wunsch zu Wachsen



Nach Bert Hellinger (Systemische Familienaufstellungen) brennt in uns Menschen beides,
das Bedürfnis, uns einer Gruppe zugehörig zu fühlen
und der Wunsch, über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen.

Laut Hellinger erleben wir das Gefühl von Zugehörigkeit, solange wir uns innerhalb dessen bewegen,
was der Wahrheit der jeweiligen Gruppe entspricht.
Fangen wir jedoch an uns zu weiterzuentwickeln und über die Grenzen der Gruppe hinauszuwachsen,
wirds schwierig. Wir fühlen uns nicht mehr zugehörig und allzu oft geht das mit fiesen Schuldgefühlen einher.
Schließlich stellen wir die Wahrheit der Gruppe in Frage und das ist erstmal richtig unangenehm.

Photo by Obi Onyeador on Unsplash.jpg

Sehen wir uns kurz ein paar Beispiele von Gruppen an,
denen wir uns im Laufe unseres Lebens (mehr oder weniger) zugehörig fühlen:
Da wären zB. Herkunftsland, Kultur, Geschlecht, Altersklasse, Rasse, Religion, Familie, Arbeitsplatz, Freundeskreis und dann auch noch all die Organisationen und Vereine, an denen wir zusätzlich mitwirken.

All diese Gruppierungen folgen eigenen Regeln,
haben eigene Werte, eine eigene Wahrheit.

Solange diese Regeln und Werte nicht in Konflikt mit
unserem inneren Bedürfnis (immer mehr und mehr) wir selbst
zu sein stehen, gibt es kein Problem.

Gibt es jedoch einen Konflikt zwischen unserem Wunsch dazuzugehören und dem Wunsch uns weiterzuentwickeln,
stehen wir vor der Wahl entweder einen Teil von uns selbst zu verleugnen,
oder wir riskieren die Zustimmung und das Wohlwollen der Gruppe zu verlieren.

Was in diesen Entscheidungsmomenten oft passiert ist Folgendes:
Wir suchen nach Richtig und Falsch, um unsere Entscheidungen und Handlungen zu rechtfertigen.

… das ist dann so eine Sache … mit dem Richtig und Falsch.
Warum? Schaut euch mal folgende Beispiele an:

Der Mann, der mit seinem Job todunglücklich ist und in einer Sackgasse steckt, der jedoch das Gehalt braucht um seine Familie zu unterstützen. Wird er zu einer Arbeit wechseln, die ihn zwar begeistert, jedoch deutlich weniger zahlt?
Das Beispiel einer Protestteilnehmerin, wird sie ihre Wahrheit für sich behalten und dadurch so einigen Schwierigkeiten aus dem Weg gehen, oder wird sie für das, an das sie glaubt, einstehen und dadurch vielleicht sogar
einen Gefängnisaufenthalt riskieren?
Oder die junge Mutter, die ihren Job vermisst, ihre Kinder aber in einer Gemeinschaft aufzieht, in der von einer Mutter erwartet wird, dass sie zuhause bleibt uns sich um ihre Kinder kümmert. Wird sie ihrem Wunsch nachgeben und darauf vertrauen, dass sie nun, da sie glücklicher ist und mehr Erfüllung findet gleichzeitig auch eine bessere Mutter sein kann, obwohl die gemeinsame Zeit mit den Kindern knapper geworden ist?

… in all diesen Situationen gibt es kein Richtig oder Falsch.
Viel mehr zeigen die Beispiele auf, wie schwierig es oft sein kann unserer inneren Stimme zu folgen,
unsere innere Wahrheit zu finden.
Inneres Wachstum wird nicht immer von Zustimmung im Außen begleitet.

„Ich weiß einfach nicht was ich tun soll.“

Zumeist wissen wir es sehr wohl, aber die Wahrheit sieht nur selten so aus, dass wir die einfachere Wahl treffen können.
Der Preis, den wir für ein Leben nach der inneren Wahrheit zahlen, scheint oft hoch.


In einem meiner Lieblingsbücher erzählt ein Leser folgendes:

„Ich bin immer jemand anderes, abhängig davon mit wem ich gerade zusammen bin. Meine größte Angst ist es, dass alle Menschen, die ich kenne zur selben Zeit im selben Raum sind und ich plötzlich nicht mehr weiß, wer ich sein soll.“

Aus Yamas & Niyamas, Deborah Adele




Warum ist es so schwierig unsere Wahrheit zu sprechen und einfach wir selbst zu sein?
Haben wir Angst jemanden zu verletzen?
Haben wir Angst nicht mehr bewundert, nicht mehr gemocht zu werden?

Erinnern wir uns noch einmal an das Konzept der letzten beiden Wochen: Ahimsa/Gewaltlosigkeit:
Das Letzte was wir wollen ist, mir unserer Wahrheit über unsere Mitmenschen zu pflügen
und uns dann zu fragen, wo denn plötzlich alle unsere Freunde abgeblieben sind.

Wer beschließt seiner inneren Wahrheit zu lauschen sollte das in dem Bewusstsein tun,
dass diese sehr stark von all den Gruppen in unserem Leben beeinflusst wird, denen wir uns zugehörig fühlen.
Und nicht nur von ihnen, sondern auch noch von den Erfahrungen, die wir bis jetzt in unserem Leben gemacht haben.
Die Menschen in unserem Umfeld haben jedoch zumeist ganz andere Erfahrungen gemacht,
fühlen sich oft anderen Gruppen mit anderen Werten, Regeln zugehörig.

Daher ist es wichtig uns von Zeit zu Zeit darüber bewusst zu werden,
durch welche Brille wir unsere Realität betrachten.
Das braucht Mut und Mitgefühl (wer meinen Blog regelmäßig liest, dem sollten diese beiden Eigenschaften
mittlerweile geläufig sein – ohne sie geht es einfach nicht).
Und wir lernen dabei etwas sehr Wichtiges: die Bereitschaft, diese Gläser ab und an auch abzunehmen oder ganz auszutauschen.

Mut zur Wahrheit heißt, dass wir offen bleiben und uns auch mit anderen Gedanken und Ideen vertraut machen.
Das wir jenen Konzepten, die uns weniger bekannt sind, mit Neugier gegenübertreten, ohne sofort über sie zu richten.


„Was ist es, das du nicht siehst,
weil du nur das siehst, was du siehst?“

Yogi Achala


Die Wahrheit ist nicht immer starr, manchmal wächst und verändert sie sich auch.
Was für uns als 3-jährige richtig und gut war, muss zB im Erwachsenenalter ganz und gar nicht mehr so sein.
Was am Morgen so war, kann am Abend schon wieder ganz anders sein.

Daher ist es so wichtig die eigenen Werte und Glaubenssätze immer wieder zu hinterfragen,
anstatt das eigene Leben von starren Konstrukten und Normen bestimmen zu lassen.

Das mag jetzt alles sehr kompliziert klingen, aber im Grunde ist es einfach:

Lernt nach innen zu lauschen.
Fragt euch in den kleinen und großen Alltagsmomenten,
bei all euren Begegnungen und in den stillen Stunden:

”Wovor habe ich solche Angst?
Wie würde sich mein Leben anfühlen, wenn ich jedem Moment mit dem Mut zur eigenen, inneren Wahrheit begegnen würden?”


„Die Siege die durch die Suche zur Wahrheit erreicht wurde,
wurden niemals ohne den Mut zum Risiko gewonnen.“

Mahatma Gandhi, frei übersetzt



Übung 1:

Beobachte  für dich den Unterschied zwischen „nett“ und „authentisch“.

In welchen Situationen bist du nett, weil du den Zuspruch deines Gegenübers nicht verlieren möchtest
und in welchen bist du authentisch und folgst deiner inneren Wahrheit?
Wie fühlst du dich in den jeweiligen Situationen?
Von wem erhoffst du dir mit deinem Verhalten Wertschätzung und Anerkennung?
Wie sehr beeinflusst diese Suche nach Wertschätzung die Entscheidungen, die du für dich und dein Leben triffst?



Übung 2:


Durchforste dein Wertesystem, deine Weltansicht,
nach Ideen und Glaubenssätzen, die für dich vielleicht einmal der Wahrheit entsprochen haben,
dich in deinem jetzigen Leben aber mehr zurückhalten als unterstützen.

Sei dankbar für die Erfahrungen, die du aufgrund dieser Werte und Gedankenmuster gemacht hast,
sie haben dich zu dem Punkt geführt, an dem du nun gerade bist.

Und ganz wichtig: Feiere die großen und kleinen Momente deiner Reise zu mehr Selbstbestimmung,
zu einem authentischeren Leben mit mehr Klarheit!

Beobachte die Freiheit, die du durch diese Übung erlangst.
Indem du Altes loslässt, schaffst du Raum. Raum für Neues. Raum für DICH.



Übung 3:


Bei jedem JA, dass du verschenkst frage dich:

”Kommt es aus dem Teil von mir der sich fürchtet nicht dazuzugehören,
oder kommt es aus einem Anteil, der dieses JA mit ganzem Herzen fühlt und spricht?”



Sei geduldig mit dir selbst.
Gib dir Zeit zu entdecken. Du musst nicht bei allem immer sofort handeln und Taten setzen.
Bei den Übungen geht es nicht darum sich ein Ziel zu stecken und es dann mit viel Druck, Angstschweiß
und Ellbogentechnik zu erreichen.
All das hier ist für DICH. Gestalte die Übungen so, dass sie dir Freude machen.
Sie sind nicht mehr und nicht weniger als die Chance Neues über dich zu erfahren
und dir selbst und deinem Leben mit mehr Freude und Freiheit zu begegnen.

Spiel mit dem Thema dieser Woche, geh auf Entdeckungsreise.
Ich bin schon gespannt auf deine Erlebnisse.

*AllesLiebe,
Marina ღ