Santosha – Das Leben feiern

Santosha ~ Zufriedenheit

Das 7. Prinzip der Yamas & Niyamas beschreibt unsere Fähigkeit zu Staunen.
Wir spüren eine Neugier gegenüber unserem Leben und eine tiefempfundene Liebe für all das, was ist.

“Wenn die Sonne scheint, dann sind wir glücklich.”
”Aber was, wenn es regnet?!”
“Dann lassen wir es regnen.”


Eigentlich ganz simpel, oder? Die Sache mit der Zufriedenheit.
Simpel und vielleicht gerade deshalb in ihrer Einfachheit so schön und praktikabel.

Aber wenn Zufriedenheit so simpel ist, warum haperts dann bei den meisten von uns an der Umsetzung?!

Die Welt, oder eher die Gesellschaft, in der wir leben, macht es einem nicht immer ganz leicht.
Die meisten von uns sind von einem Wunsch (oder gleich mehreren Wünschen)
zur ständigen Verbesserung (persönliche Entwicklung, Haus, Auto, Garderobe, Job, Bildung, Aussehen, …) getrieben.
Das Streben nach “mehr” und ständiges Vergleichen mit anderen gehören zum Alltag.
Verständlich, dass es da oft schwer fällt das, was gerade hier und jetzt ist, zu feiern und als “gut-genug” anzuerkennen.

Photo by Melissa Askew on Unsplash.jpg

Wenn wir von Zufriedenheit reden, hängt dieser innere Zustand aber nicht notwendigerweise von Besitz und Reichtum ab.
Oder davon, dass alles perfekt ist.
…denn was ist in Wahrheit schon perfekt?
Und was braucht es eigentlich, damit wir uns reich fühlen?

Man kann jetzt natürlich anfangen im Internet nachzulesen, Bibliotheken zu durchstöbern oder Menschen zu befragen von denen wir annehmen, sie hätten die richtigen Antworten parat.

Fragen wie diese werden aber selten im Außen beantwortet.
Wenn wir also nicht im Außen zu suchen brauchen, wo beginnen wir dann…

Zufriedenheit erkennt das Schöne im Moment.
Einschränkende Gedanken und Glaubenssätze treten in den Hintergrund und schaffen Raum für Offenheit und Neugier.

ABER zufrieden zu sein heißt nicht, dass man alles einfach ignoriert, was einem nicht in den Kram passt und so tut als wäre es nicht da, während man weiter in seiner rosa Seifenblase durchs Leben schwebt. Dass die Blase ziemlich sicher früher oder später platzen wird wissen wir nämlich alle.
(Ist ja nicht so, als hätten wir nicht alle schon mal probiert in unserer Blase hockenzubleiben.)

Außerhalb der ~rosa Heile-Welt-Blase~ gibt es Emotionen und Gedanken, die uns herausfordern.

Wenn wir traurig, ängstlich, verärgert, … sind (aus welchem Grund auch immer), dann ist es wichtig sich in Erinnerung zu rufen,
dass es selten der offensichtlichste Auslöser ist, der solche Reaktionen in uns erzeugt.
Natürlich regen wir uns über die Nachrichten in der Zeitung auf. Und wir trauern mit der Freundin, die eine schwere Zeit durchmacht, oder sind zutiefst betroffen über die neuesten Anschläge und das politische Gemetzel im Fernsehen.
Aber das alles sind Trigger. Auslöser für unsere Reaktionen, deren tatsächlicher Ursprung viel, viel tiefer liegt.

Vielleicht haben wir selbst vor langer Zeit eine Erfahrung gemacht, die wir mit diesem Trigger, dem Ereignis, verknüpfen.
Oder das entstehende Gefühl erinnert uns etwas, das wir schon einmal gespürt haben: Hilflosigkeit, Verzweiflung, Ohnmacht, …

Santosha ist nicht die Aufforderung all das zu verdrängen, was nicht in eine ~Ponyhof-Regenbogen-Welt~ passt.
Santosha lädt dazu ein, sich dem gegenüber zu öffnen, was ist. Immer und immer wieder.
Es lehrt mit Akzeptanz und ohne Erwartungen anzunehmen.

Wenn wir uns fragen, was hinter unseren düsteren Gedanken, hinter dem Unwohlsein, der Unruhe, … wirklich steckt,
beginnen wir zu verstehen.
Wer sich der Neugier öffnet, legt Vorurteile und Erwartungshaltungen ab.
Wenn wir auf unsere Gedanken und Gefühle mit Neugier, anstelle von Abneigung reagieren, dann hören wir auf uns selbst und andere zu verurteilen und werden offener und gelassener für den gegenwärtigen Moment. So wie er jetzt eben gerade ist.

Wer sich Schritt für Schritt von Vorurteilen und Erwartungshaltungen befreit, der räumt sich den Weg zur Dankbarkeit frei.
Und mit der Dankbarkeit entsteht ein Gefühl tiefer Zufriedenheit.


Im Chinesischen gibt es ein Sprichwort, das in etwa (frei übersetzt) so lautet:



„Die Menschen im Westen sind ständig damit beschäftigt sich aufs Leben vorzubereiten.“

 

In diesen paar Worten liegt eine tiefe Wahrheit…

Während unserer Ausbildung können wir es kaum erwarten endlich in die Arbeitswelt einzutreten.
Denn wenn wir einmal Geld verdienen, dann sind wir glücklich. Glauben wir.
Verdienen wir Geld, wollen wir ein teureres Auto, ein größeres Haus, eine bessere Garaderobe.
Denn dann sind wir glücklich. Glauben wir.
Haben wir das alles angehäuft braucht es zum Glücklichsein Kinder.
Sind die Kinder einmal da ist man gewiss, dass Ruhe und Zufriedenheit einkehren, sobald sie das Studium abgeschlossen haben und in gut bezahlten Jobs untergebracht sind.
Mittlerweile ist man des eigenen Jobs und Alltags überdrüssig geworden. Man kann es kaum erwarten, dass der wohlverdiente Ruhestand beginnt, damit man endlich damit anfangen kann, sein Leben zu leben.
Damit man endlich damit beginnen kann glücklich und zufrieden zu sein.

Das Ganze ist natürlich ein wenig überspitzt ausgedrückt, aber der Punkt ist doch:

Photo by Ben White on Unsplash.jpg


Warum sich ein Leben lang auf das Glück
in der Zukunft vorbereiten?

Warum nicht jetzt leben?

Warum nicht jetzt glücklich und zufrieden sein?

Und warum machen wir unsere Zufriedenheit, unser Glück,
so sehr von äußeren Umständen und Gegebenheiten abhängig?

Wenn wir uns, anstatt mit neidischem Blick über Nachbars Zaun zu schielen,
einmal um die eigene Achse drehen und all das anerkennen, das uns bereits jetzt umgibt, all das Schöne sehen, das JETZT in unserem Leben ist… reicht das dann nicht aus, um auch schon genau in diesem Moment Glück und Zufriedenheit zu spüren?

 

„Wenn es regnet, dann lass es regnen.“

 

Wir sind so sehr damit beschäftigt all das Zeug in unser Leben zu “ziehen”, von dem wir glauben, dass wir es unbedingt brauchen, und gleichzeitig alles andere von uns zu stoßen, das wir nicht haben wollen.
Wenn wir uns in Zufriedenheit üben, brauchen wir Situationen und Menschen nicht mehr so zu manipulieren,
dass sie in unser Schema von „mag ich“ und „mag ich nicht“ passen.
In ihrem Kern sind die meisten Dinge neutral.
Was den Unterscheid ausmacht sind unsere persönlichen Vorlieben und Abneigungen.
Wenn wir uns einmal dessen bewusst werden, wie viel Energie wir an einem einzigen Tag darauf verbrauchen alles so hinzubiegen, wie wir es zu unserem vermeintlichen Glück brauchen, dann ist es kein Wunder, dass der Weg zur Zufriedenheit beschwerlicher aussieht als er wirklich ist.

Wenn wir erlauben, dass äußere Umstände die volle Macht über unsere Gedanken und Gefühle (und auch unsere darauffolgenden Reaktionen) übernehmen, dann machen wir uns selbst hilflos.
Dann werden wir zum Opfer.
Darüber vergessen wir ganz, dass wir selbst darüber bestimmen, was wir denken, was wir fühlen und wie wir damit umgehen möchten. Am Ende hat nichts und niemand die Macht, über unsere innere Welt zu bestimmen. Wir entscheiden.
In jeder einzelnen Situation beschließen wir (bewusst oder unbewusst), was wir denken und wie wir handeln wollen.

Das “Zufriedenheits - Paradoxon”:

Je mehr wir nach der Zufriedenheit suchen oder erwarten, dass sie sich auf eine gewisse Art und Weise zeigt,
desto mehr scheint sie sich uns zu entziehen.

Überlegt doch:
Ist es nicht einfach zufrieden zu sein, wenn wir uns gut fühlen und die Dinge genau so laufen, wie wir es uns wünschen?
Aber was, wenn das Chaos ausbricht, wenn Herausforderungen in unser Leben treten,
oder wir uns einfach traurig oder gelangweilt fühlen… Was dann?!


Unzufriedenheit entsteht aus der Idee, dass der gegenwärtige Moment
auf irgendeine Art und Weise anders sein könnte oder sollte, als er jetzt gerade ist.
Aber er ist nicht anders und er wird es auch nie sein.

Der Moment ist so wie er ist.
So wie er ist, ist er vollkommen.


Das heißt wenn wir gelangweilt oder traurig sind, sind wir deshalb unzufrieden,
weil wir die Langeweile und die Traurigkeit nicht annehmen können.
Weil wir es in die „mag ich nicht“-Schublade stecken und die Dinge nicht so sein lassen, wie sie jetzt gerade eben sind.




Das Faszinierende an der Sache:
Wenn wir unsere Unzufriedenheit annehmen können. Wenn wir sie sein-lassen können,
dann können wir selbst in unseren unzufriedenen Momenten Akzeptanz und Zufriedenheit finden.

 

„Zufriedenheit ist, dich in dein eigenes Leben zu verlieben.“

Swami Rama

 

Das Leben ist vollkommen, so wie es uns an jedem einzelnen Tag, in jedem einzelnen Moment begegnet.
Wenn wir das verstehen, leben wir das Prinzip von Santosha.

 


Übung 1:

Werde über den Verlauf der kommenden Woche achtsam für jene Momente, in denen du deine innere Zufriedenheit von äußeren Umständen abhängig machst.
Beobachte dabei auch die Augenblicke, die du „versäumst“, weil du dich innerlich mit etwas beschäftigt bist, dass weit in der Zukunft liegt.

Schreib nieder was du beobachtest, was du in diesen Momenten erlebst.

 

Übung 2:

Beobachte wieviel Energie du darauf verschwendest, deinen Tag nach dem innerlichen System von
„mag ich“ und „mag ich nicht“ zu sortieren.
Vielleicht gelingt es dir dabei hin und wieder dich daran zu erinnern, dass die meisten Dinge in ihrem Ursprung neutral sind. Deine innere Einstellung spielt eine große Rolle darin, wie du Personen, Situationen, Herausforderungen, … erlebst.

Vielleicht setzt du dich am Ende des Tages kurz hin und schreibst in wenigen Worten über deine Erlebnisse.

 

Übung 3:

Übe dich in Dankbarkeit, ohne die dauernde Suche nach „mehr“, „besser“, „perfekt“, …
Finde Zufriedenheit im Moment. So wie er jetzt gerade eben ist.
Wofür bist du jetzt gerade dankbar? (3 Dinge)

Photo by Derek Thomson on Unsplash.jpg

 




„Wäre das Wort ~Danke~ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.“

Meister Eckhart


*AllesLiebe, Marina ღ