Aparigraha - Frei Sein


Liebe mit deinem ganzen Herzen.
Vertrauen, Hoffnung, Glück. Lass es zu, nimm es auf.
Und dann öffne dich und lass es gehen.

Ja, ich weiß. Es ist ein Weilchen her, seit ich den letzten Eintrag geschrieben habe.
Ich gebe es zu, ich hab mich ein ganz klein wenig davor gedrückt.

Es geht diesmal nämlich ums Loslassen… und das liegt mir nicht so besonders, das liebe Loslassen. 😉

Was über die Jahre eigentlich leichter werden sollte, fällt mir gefühlsmäßig immer schwerer.
Und wie sich im Gespräch mit lieben Mitmenschen schließlich herausstellt, geht es nicht nur mir so…

Aparigraha (das Fünfte und gleichzeitig Letzte der Yamas) erinnert uns daran, dass Veränderungen ein Teil des Lebens sind, es ist das Prinzip des Loslassens und somit ein unumgänglicher Bestandteil unseres Lebens.

Blöd nur, dass unser Leben voll von Momenten ist, von denen wir uns wünschen, sie würden nie enden.
Ganz simple Alltagsmomente, so wie eine heiße Dusche an einem kalten Wintertag.
Oder die Phase des Frisch-Verliebtseins zu Beginn einer neuen Beziehung.

Je älter wir werden, umso mehr beginnen sich diese Momente zu häufen. Wir wollen jung und vital bleiben. Genau dasselbe wünschen wir uns auch für unsere Eltern und Großeltern. Wir wollen, dass die Kinder klein bleiben und ihre Welt auf immer ein sicherer Ort ist.

Das Leben ist jedoch einem stetigen Wandel unterworfen. Alles ändert sich und kaum etwas bleibt genau so, wie es ist.
Daran ist im Grunde erstmal nichts Schlechts. Veränderung erlaubt uns zu wachsen, unseren Horizont zu erweitern. Wenn wir uns jedoch dagegen wehren, uns aufbäumen, versuchen an etwas festzuhalten, dann entsteht Leiden.

 

Was wir zu besitzen versuchen, wird am Ende uns besitzen.

 

Es lohnt sich jedoch klein anzufangen. Niemand stürzt sich auf die Grammatik, wenn er das Alphabet noch nicht beherrscht, also…

Nehmen wir erstmal unsere Atmung als geduldigen, immer präsenten, Lehrer:

Jede Einatmung nährt uns. Füllt uns auf. Aber wir halten sie nicht fest.
Wir wissen, dass das Anhalten der Luft Konsequenzen mit sich bringt.
Und wir sind uns bewusst, dass es keine von der guten Sorte sind.
Also lassen wir los. Wir atmen aus.
Und schaffen dadurch Raum für Neues.

Oft ist es jedoch nicht der Moment, in dem wir loslassen, der uns solche Überwindung kostet. Vielmehr fürchten wir uns vor dem, was danach kommt. Der „Raum dazwischen“. Der Moment, in dem uns nichts anderes bleibt, als zu vertrauen.

Borgen wir uns kurz das Beispiel eines Trapezkünstlers:

Es gibt diesen einen Moment, in dem er fast schwerelos in der Luft gleitet.
Er ist nicht mehr dort, wo er eben noch war, aber ist auch noch nicht an seinem Ziel angekommen.
Wenn er zu spät loslässt, aber auch wenn er zu früh nach seinem Ziel greift, wird er unweigerlich fallen.
Es ist genau dieser Moment dazwischen. Der Moment, in dem wir weder hier noch dort sind.

Wer genau hinhört, findet diesen Moment des „freien Falls“ selbst in der Atmung.

Ein Moment der Stille am Höhepunkt, der vollkommenen Fülle, jeder Einatmung.
Und ein Augenblick des Innehaltens, in der vollkommenen Leere, am Ende der Ausatmung.

Genau dieser Moment, in dem wir wie ein Trapezkünstler in der Luft hängen, ohne uns an etwas festhalten zu können, macht uns Angst. Wir fühlen uns schutzlos, verletzlich, ausgeliefert.
Wir würden viel lieber erst dann loslassen, wenn wir mir Sicherheit wissen, was als nächstes auf uns zukommt.
Und wenn es dann tatsächlich an der Zeit ist loszulassen, dann wir möchten wir trotzdem gerne noch ein bisschen festhalten.
Nur für den Fall, dass wir doch noch nicht bereit für das Neue sind.

Photo by Sammie Vasquez on Unsplash.jpg

Vollkommen loszulassen fühlt sich an wie ein Sprung aus dem Flugzeug. Ohne Fallschirm.

Im freien Fall ist jedoch etwas enthalten, dass uns hellhörig machen sollte.
Der Begriff frei.
Wenn wir lernen loszulassen, werden wir frei.
Frei von Erwartungen, von Gier, von Vergleichen, …
Frei von all den Dingen, an denen wir uns festklammern.

Allzu oft halten wir an Dingen fest, die uns unsere Freiheit, unseren Freiraum, rauben.
Bilder und Glaubenssätze darüber, wie wir selbst, die Welt, oder unsere Mitmenschen sein sollten.
Sie nehmen uns die Möglichkeit die Dinge so zu sehen, und zu nehmen, wie sie gerade sind.

Krimskrams in unserem Wohnraum
hindert uns daran uns frei zu bewegen.
Krimskrams in unseren Köpfen
hält uns davon ab frei zu denken.
Es nimmt uns den Freiraum, um zu wachsen und neue Dinge in unserem Leben willkommen zu heißen.

Anhaftungen ruinieren uns den Tag,
wenn sie nicht erfüllt werden.
Sie mache uns blind für all die Möglichkeiten in unserem Leben, die nur darauf warten gesehen zu werden.


Als wir vor mehr als vier Jahren in die USA ausreisten, ließen wir das meiste von unserem Besitz zurück. Lediglich zwei Koffer, zwei Fahrräder, einen Hund und seine Reisebox waren Teil dessen, was wir an Hab und Gut mit in unser neues Leben brachten.
Es stellte sich heraus - man brauch nicht viel, um glücklich zu sein. Je mehr man an Gewicht mit sich herumschleppt, desto mehr drückt es einem auf die Schultern.
Vier Jahre später ist unsere Wohnung natürlich wieder vollgepackt. Die Schränke und Kästen, die Ablagen und einst freien Flächen. Aber sind wir dadurch bessere, reichere, glücklichere Menschen?!
Nicht wirklich, es ist nur mehr zum Abstauben. Mehr Zeug, das den Lebensraum verkleinert und Neubeginne umständlicher und komplizierter macht.



Wenn wir also einmal ganz ehrlich mit uns selbst sind, stellen sich folgende interessante Fragen:

Wie viel Gepäck voller Erwartungen, Plänen, To-Dos, Ärger und Verbitterungen, nicht-verziehenen Momenten, …
tragen wir täglich mit uns herum?
Was gehört zu den Dingen, die wir einfach nicht loslassen können, die wir immer wieder aufs Neue einpacken?
Wie voll stopfen wir unsere Taschen an jedem einzelnen Morgen, bevor wir mit diesem Gewicht auf unseren Schultern in einen neuen Tag starten?



Und noch viel wichtiger:

Photo by Ryan Moreno on Unsplash.jpg

Was wäre, wenn wir jeden Morgen aufwachen und nichts mit uns nehmen würden?
Was, wenn genau das der Punkt ist?
Was wäre, wenn wir den Weg zu unserer eigenen Freiheit „entrümpeln“?
Was, wenn wir beginnen den Weg zu uns selbst freizuräumen?

Aparigraha bedeutet nicht zu verzichten.
Ganz im Gegenteil.
Aparigraha erinnert uns daran
aus ganzem Herzen zu genießen, ohne anzuhaften.
Zu leben, ohne uns das Leid des
Nicht-loslassen-könnens aufzubürden.

Um dieses Prinzip in unser Leben einzuladen benötigt es eine gute Portion Mitgefühl.
Im Umgang mit anderen, aber auch mit uns selbst.
Der andere, unumgängliche Teil ist Vertrauen.
Vertrauen ist selten etwas, dass einfach so passiert.
Vor allem wenn es ums Vertrauen in das Leben geht.
Vertrauen ist eine Praxis.
Es ist etwas, in dem man sich immer und immer wieder übt.


Mehr als zu einer Lebensaufgabe,
wird dieses Prinzip zu einem bewusst gewählten Lebensweg.


 

Übung 1     

Nimm dir ein paar Minuten und beobachte deine Atmung.
Die Fülle deiner Einatmung und die Bereitschaft, sie wieder loszulassen.
Vollkommen auszuatmen.
Platz zu schaffen. Für Neues.
Schreib über deinen Erfahrungen damit, deine Beobachtungen.

 

Übung 2

Sieh dir alle deine materiellen Besitztümer an und frage dich:
Bringen sie mir Freude, oder sind sie mir eine Last?
Erkenne den Unterschied zwischen Freude und Anhaftung.

 

Übung 3     

Lass das Zeug los. Ernsthaft. '
Geh durch deine Schränke und räum mal aus.
Tu es für dich, damit du wieder einmal tief durchatmen kannst.

 

Übung 4

Beobachte die Erwartungen, die du an die Menschen in deinem Umfeld und an bestimmte Lebenssituationen stellst.
Werde aufmerksam für die Momente, in denen du etwas forderst.
Wie schränken dich diese Erwartungen ein?
Wie oft lassen sie dich verärgert, unzufrieden, oder gar verletzt zurück?

 

Übung 5 

Nimm dir am Morgen ein Blatt Papier, ein kleines Notizbuch, … zur Hand und schreib auf, was du gerne loslassen möchtest.
Tu es noch bevor du deinen Tag beginnst.
(zB bestimmte Ängste, Erwartungen, Forderungen an dich und andere, alte Glaubenssätze, …)

Und dann erlaub dir den neu entstandenen Raum, deinen Freiraum, bewusst mit etwas zu füllen,
das dich durch den Tag begleiten soll (zB Vertrauen, Mitgefühl, Geduld, Freude, Neugier, …).
Du kannst dabei so sehr ins Detail gehen, wie du möchtest.

Nimm das Blatt während deines Tages immer wieder einmal zu Hand, um dich daran zu erinnern,
was du am Morgen losgelassen hast
und was du dazu eingeladen hast, dich weiterhin in deinem Leben zu begleiten.

Photo by Aditya Saxena on Unsplash.jpg

 

*AllesLiebe,
Marina ღ