Ostern einmal anders...



„Tell me, what is it you plan to do
with your one wild and precious life?“

 
„Sag mir, was planst du mit deinem einen
wilden und kostbaren Leben zu tun?“


Mary Oliver

Moab, Utah (Osterwochenende 2019)


Was macht man, wenn man Ostern fernab von Familie und heimischen Traditionen verbringt?!
Man packt das halbe Haus und den ganzen Hund ins Auto, holt noch schnell den Herzallerliebsten von der Arbeit ab,
und dann gehts los… nach Moab, Utah.

Gute 6 Stunden Autofahrt liegen vor uns, aber weil wir (zumindest bei der Hinfahrt) dann doch ein wenig “gemütlich” sind, machen wir nach 4 Stunden einen Übernachtungszwischenstopp, bevors am nächsten Morgen weiter in Richtung unseres eigentlichen Zieles geht.

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Das Bild ist in etwa so unscharf, wie unser müder Blick am frühen Morgen. Der Stimmung tut das dennoch keinen Abbbruch.

Professor Creek


Mitte Vormittag erreichen wir den Ausgangspunkt unserer ersten Wanderung.
Der Professor Creek ist ein, munter vor sich hin gurgelnder, kleiner Strom, der sich seinen Weg durch tiefe Canyons und rote Sandsteinformationen gräbt. Obwohl der Himmel bewölkt ist, ist es ganz schön warm und nicht nur Marley ist dankbar für die Schatten spendenden Wölkchen und das kühle Nass entlang des Weges.



Irgendwann hören wir auf zu zählen, wie oft der kleine Pfad das Wasser kreuzt, und als wir schließlich in den engen Canyon eintauchen, wird es zunehmend herausfordernder, die Schuhe trocken zu halten.

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Wilde Gänse

Du brauchst nicht gut zu sein.
Du brauchst nicht auf Knien zu kriechen,
für hunderte Meilen durch die Wüste, um Buße zu tun.
Lass das sanfte Tier in deinem Inneren
das lieben, das es liebt.
Erzähl mir von deinem Kummer, und ich erzähle dir von meinem.
Währenddessen, dreht sich die Welt weiter.
Währenddessen, bewegen sich die Sonne und die schimmernden Regentropfen
über das Land,
über die Prärien und die tiefen Wälder,
die Berge und die Flüsse.
Währenddessen, machen sich die Gänse,
hoch oben am blauen Himmel,
zurück auf den Heimweg.
Wer auch immer du bist, ganz gleich wie einsam du sein magst,
die Welt öffnet sich deiner Vorstellungskraft,
sie ruft nach dir, so wie die wilden Gänse, rau und aufregend -
um dich immer und immer wieder an deinen Platz in der Ordnung der Welt zu erinnern.

Mary Oliver (frei ins Deutsche übersetzt)

Wild Geese

You do not have to be good.
You do not have to walk on your knees
for a hundred miles through the desert repenting.
You only have to let the soft animal of your body
love what it loves.
Tell me about despair, yours, and I will tell you mine.
Meanwhile the world goes on.
Meanwhile the sun and the clear pebbles of the rain
are moving across the landscapes,
over the prairies and the deep trees,
the mountains and the rivers.
Meanwhile the wild geese, high in the clean blue air,
are heading home again.
Whoever you are, no matter how lonely,
the world offers itself to your imagination,
calls to you like the wild geese, harsh and exciting -
over and over announcing your place
in the family of things.

Mary Oliver

 



Nach etwa 6.5 Kilometern haben wir unser Ziel erreichert. Schon von weitem hört man das Wasser dort in die Tiefe donnern, wo ein großer, zwischen den Wänden eingekeilter, Felsen, den tosenden Strom in zwei Wasserfälle teilt.



Es ist nicht so, als wenn man sich in diesem Canyon verirren könnte. Der Weg rein… ist ganz klar auch der Weg raus...

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Ja und wenn das Schuhwek einmal nass ist… dann hört man endlich damit auf immer so “erwachsen” zu sein und freut sich wie ein kleines Kind über die Abkühlung und das Waten im knöcheltiefen Wasser. ☺

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Ein wohlverdientes Nickerchen…

Weil so gut wie jeder in Boulder hin und wieder nach Moab pendelt, sind wir mit vielen guten Ratschlägen ausgestattet angereist und siehe da - schon der erste Tipp ist ein Volltreffer.
Hoch oben, über einem Canyon thronend, finden wir unser Schlafplätzchen.
Außer uns findet sich nur ein Pickup samt Zelt und kleinerem Wohnmobil ein und da die lieben Nachbarn einen sehr guten Musikgeschmack haben und sich ansonsten friedlich verhalten, sind wir mit der Wahl unseres Schlafplatzes höchst zufrieden.
Nur unser Marley scheint nicht sonderlich beeindruckt von der Aussicht. Gerade erst angekommen, hören wir ihn schon schnarchen…

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Wir beraten kurz und werden uns rasch einig - das Zelt wird unterm Sitz verstaut, wir schlafen im Auto.
Es stellt sich heraus, mit umgeklappten Sitzen steht unser neues Wägelchen dem alten, schlaferprobten Kombi um nichts nach und ist sogar überraschend geräumig…

Nachdem die Schlafsäcke ausgerollt sind und das Abendessen auf unserem kleinen Gaskocher munter vor sich hinköchelt, lassen wir uns auf die Unterarme zurücksinken und nehmen die Landschaft in uns auf. Schön ists hier.
Das Abendessen ist simpel und köstlich. Ich bin glücklich. Marley schnarcht noch immer.
Nachdem alles gesäubert und verräumt ist, machen wir es uns mit unseren Büchern auf unserer kleinen Aussichtsplattform gemütlich und nutzen das letzte Licht des Tages.
Aber eigentlich habe ich keine große Lust zu lesen. Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe den Wolken beim Ziehen zu.
Um uns herum ist es still geworden.
Als wir es uns später in unseren Schlafsäcken gemütlich machen, kann ich den Vollmond sehen.
Nicht lange, und die Sterne beginnen am dunklen Nachthimmel zu funkeln.
Ein Gedicht, das ich vor einiger Zeit einmal gehört habe, fällt mir wieder ein. Die letzte Zeile lautet, frei übersetzt, in etwa so:



„Sag mir, was planst du mit deinem einen
wilden und kostbaren Leben zu tun?“

Mary Oliver

“Das. Genau das hier.”, denke ich mir noch, bevor mir langsam die Augen zufallen.




Im Auto zu schlafen ist natürlich keine Übernachtung im Viersterne-Hotel, das ist schon klar. In der Nacht wecken uns ein Sturm und aufs Dach trommelnde Regentropfen. Für mich klingt es wie Musik. Ich kuschle mich tiefer in meinen Schlafsack und lausche, bis mir irgendwann wieder die Augen zufallen.

Als wir am nächsten Morgen nach draußen krabbeln und die frische Luft einatmen, haben wir vielleicht nicht ganz so tief und fest geschlafen, wie im komfortablen KingSize-Bett, und auch die Glieder sind anfangs noch etwas steif, aber eines weiß ich mit Sicherheit - der Blick auf den Mond und die Sterne über mir wird mir bestimmt länger in Erinnerung bleiben, als jede Hotelzimmerdecke.

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Während wir, mit Blick auf den Canyon, unseren Morgenkaffee schlürfen, planen wir die Weiterfahrt.
Es stellt sich heraus, wir sind gerade mal eine halbe Stunde Fahrzeit von unserem nächsten Ziel entfernt…

Dead Horse Point State Park

Anders als in anderen Nationalparks sind Hunde hier erlaubt. Das nutzen wir natürlich aus. Anstatt mit dem Auto zum entlegenen Aussichtspunkt (der “Hauptattraktion” des Parks) zu fahren, lassen wir das Auto stehen und wandern den, mit unzähligen Steinmännchen versehenen, Rundweg entlang. Er ist so angelegt, dass er beständig am Abgrund dahinführt. Marley trottet voraus, wir hinterher. Tief unter uns erstreckt sich ein Panorama, das man schwer in Worte fassen kann…

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”Der Dead Horse Point State Park ist ein 21,7 km² großer State Park in Utah in unmittelbarer Nähe nordöstlich des Canyonlands National Park. Von der südlichen Spitze hat man einen besonderen Ausblick aus 1731 m Höhe auf den über 600 m tiefer gelegenen Colorado River, der an dieser Stelle eine 180°-Kehre macht.

Die Wasserknappheit (im Schnitt fallen 25 cm Niederschlag pro Jahr) wirkt sich auf Fauna und Flora des State Parks gravierend aus. Die Pflanzen haben die Größe ihrer Blätter reduziert, um die Verdunstung zu reduzieren. Einige Pflanzen haben ihre Blätter mit einer Wachsschicht überzogen und reduzieren damit ihren Wasserverlust. Die Tiere in dieser Gegend sind überwiegend nachtaktiv.

Die Gegend wurde u. a. 1991 für den Film Thelma & Louise als Kulisse und Drehort für die Grand-Canyon-Szenen genutzt sowie im Jahr 2000 für die Kletterszene von Tom Cruise in Mission: Impossible II.”

https://de.wikipedia.org/wiki/Dead_Horse_Point_State_Park

 

Ein Sommertag

Wer hat die Welt gemacht?
Wer schuf die Schwäne und die schwarzen Bären?
Wer hat die Heuschrecke geschaffen?
Diese Heuschrecke, ich meine -
die, die sich selbst aus dem Gras katapultiert,
die, die Zucker aus meiner Hand frisst,
die ihren Kiefer vor und zurück, anstelle von auf und ab,
bewegt -
die um sich blickt, mit ihren großen, komplexen Augen.
Nun hebt sie ihre blassen Arme und reinigt sich sorgfältig ihr Gesicht .
Sie spannt die Flügel auf und fliegt davon.
Ich weiß nicht ganz genau, was ein Gebet ist.
Ich weiß was es heißt, aufmerksam zu sein, wie man sich
ins Gras fallen lässt, wie man sich im Gras niederkniet,
was es bedeutet still zu sein und sich gesegnet zu fühlen,
wie man durch Felder spaziert,
es ist das, was ich den ganzen Tag über getan habe.
Sag mir, was sonst hätte ich tun sollen?
Stirbt nicht am Ende alles viel zu früh?
Sag mir, was planst du zu tun
Mit deinem einen wilden und wundervollen Leben?

Mary Oliver (frei ins Deutsche übersetzt)

The Summer Day

Who made the world?
Who made the swan, and the black bear?
Who made the grasshopper?
This grasshopper, I mean-
the one who has flung herself out of the grass,
the one who is eating sugar out of my hand,
who is moving her jaws back and forth instead of up and down-
who is gazing around with her enormous and complicated eyes.
Now she lifts her pale forearms and thoroughly washes her face.
Now she snaps her wings open, and floats away.
I don't know exactly what a prayer is.
I do know how to pay attention, how to fall down
into the grass, how to kneel in the grass,
how to be idle and blessed, how to stroll through the fields,
which is what I have been doing all day.
Tell me, what else should I have done?
Doesn't everything die at last, and too soon?
Tell me, what is it you plan to do
With your one wild and precious life?

Mary Oliver

 



…manchmal beginnen die schönsten Abenteuer damit, sich einfach mal ins Gras zu legen und den Wolken beim Ziehen zu zu sehen.
Oder damit, den Kopf in den Nacken zu legen und die Sonnenstrahlen im Gesicht zu spüren.
Oder aber man funktioniert den eigenen Wagen mal rasch zum Hotelzimmer um und fährt damit geradeaus ins Blaue…

Was ist es, das dich lebendig werden lässt?

Was planst du zu tun,
mit deinem wilden, wundervollen Leben?


*AllesLiebe, Marina ღ

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