Unsere Emotionen & warum es sich lohnt, genauer hinzuhören.

 

4 Schritte, um besser verstehen zu lernen.


Lausche deinen Emotionen,
aber glaub nicht alles, was du denkst.  

Vertrau deinen Emotionen,
aber nicht der Geschichte.

…zumindest so lange,
bis du gelernt hast, auf dein Herz, statt auf deinen Kopf, zu hören.

 

 

Emotionen sind in etwa so, wie das Wetter im Urlaub.
Man weiß nie genau, was auf einen zukommt.

Ist es sonnig und schön warm, will man am liebsten noch ein paar Wochen länger bleiben. Jeden Morgen, auf dem Weg zum Frühstück, nickt man der Rezeptionistin, die einen immer so lieb anlächelt, zu und macht die gedankliche Notiz, eine besonders nette Bewertung über das hübsche Hotel und seine aufmerksamen Mitarbeiter zu verfassen.

Schüttet es hingegen den ganzen Urlaub über wie aus Kübeln, will man lieber heute als morgen abreisen. Die Bettlaken müffeln, das Bild an der Wand im Zimmer hängt schief… und außerdem wünscht man der Rezeptionistin, von der man sich jeden Morgen ausgelacht fühlt, dass sie ein tollwütiger Esel beißt.

Tatsache ist:

Das Hotel hat sich nicht wirklich verändert.
Das Bild an der Wand hängt auch bei Sonnenschein schief, die Bettlaken müffeln nicht wirklich und die Rezeptionistin macht einfach nur ihren Job.

Etwas anderes hat sich hingegen schon verändert: unsere innere Einstellung.
Aber warum?

Wegen eines einzigen „Triggers“: dem Wetter.
Dieser Trigger hat so viel Macht über uns und unsere Gedanken bekommen, dass wir uns betrogen, ausgelacht und als Opfer der Umstände fühlen.

Nichts von alledem scheinen wir jedoch wirklich beeinflussen zu können.
Oder etwa doch?


 Emotionen haben ganz unterschiedliche Arten, sich zum Ausdruck zu bringen.
Wut ist zum Beispiel gerne laut (wenn nicht äußerlich, dann zumindest innerlich). Wut taucht im Bruchteil einer Sekunde auf und macht einen riesen Terz.
Andere Gefühle, wie zum Beispiel Traurigkeit, sind da weitaus subtiler. Aber auch sie beeinflussen unsere Gedanken, formen unsere Realität.
… wenn wir es zulassen.

 

Wenn wir uns nicht mehr als Opfer betrachten, bekommen wir die Möglichkeit,
die Realität, in der wir leben, mitzugestalten.

 

Seid ihr auch schon einmal auf euch selbst zornig gewesen, weil ihr wütend wart und es euch nicht gelungen ist, das Gefühl zu unterdrücken?
Habt ihr auch schon versucht, Traurigkeit zur Seite zu schieben?
Neid hinunterzuschlucken?
Das Gefühl von Hilflosigkeit abzuschütteln?

Und… wie ist es euch damit ergangen?
Nicht so gut?
Dachte ich mir. Mir nämlich auch nicht.

Emotionen sind kein lästiges Übel, das man bekämpfen, unterdrücken oder verdrängen muss.
Wer das schon ein paar Mal ausprobiert hat, kann vermutlich bestätigen, dass das nicht sonderlich erfolgreich ist. Zumindest nicht auf lange Sicht.



Aber was sind denn Emotionen überhaupt und warum taucht das Zeug immer genau dann auf, wenn man es am wenigsten braucht?

Das Wort „Emotion“ kommt aus dem Lateinischen und heißt übersetzt nichts anderes als
„Energy in Motion“
, also: „Energie in Bewegung“. '

Und genau das sind unsere Gefühle & Emotionen: In Bewegung geratene Energie.

Wer verdrängt, unterdrückt oder ignoriert, sorgt also im Grunde nur dafür, dass die (in Bewegung geratene) Emotion im Körper stecken bleibt und sich dort festsetzt.
Oder noch unangenehmer – sich weiter anstaut.


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Was folgt sind nicht nur psychische Reaktionen wie
Wutausbrüche „aus heiterem Himmel“,
„unerklärbare“ Momente tiefer Traurigkeit,
das Gefühl ständig überfordert zu sein, …

sondern auch physische Reaktionen wie
Kopfschmerzen,
Sodbrennen,
innere Unruhe,
Muskelverspannungen,

Und wie „behandeln“ wir diese Reaktionen/Symptome?
Mit dem Griff in die Süßigkeitenlade, zur Bier- oder Weinflasche, zur Kreditkarte, …
Mit dem Verurteilen von anderen UND, meinem persönlicher Favoriten,
in dem wir uns selbst verurteilen.

Und… hilfts?
Nö!
Na gut, vielleicht für einen ganz kurzen Moment. Aber dann beginnt sich das Rad auch schon wieder von vorne zu drehen.

All das, oben genannte, sind natürlich nur ein paar wenige Beispiele.
Symptome, die aufgrund unterdrückter Emotionen auftreten, sind genauso so unterschiedlich wie wir Menschen.
Auch unsere Strategien, mit diesen Reaktionen umzugehen, sind so zahlreich wie die Sterne am Himmel.

Meist behandeln wir Symptome, wie die darunterliegenden, angestauten, Emotionen, immer auf dieselbe Art und Weise:
Ignorieren, unterdrücken und wenns gar nicht mehr geht… betäuben.
Nachdem wir alle wissen, wie gut das funktioniert (nämlich gar nicht), kommen wir also gleich zum Punkt:

 

Was tun?

 

1)     Werde dir klar darüber, was du fühlst bzw. welche Emotion gegenwärtig ist.

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Bist du wütend, oder vielleicht enttäuscht? Bist du traurig, oder aufgebracht?
Bist du nervös? Oder unsicher? Oder alles zusammen?

Es ist wichtig zu verstehen, was du fühlst.
Die Emotion zu benennen, ist der erste Schritt in die richtige Richtung.

Was wir kennen, macht uns weitaus weniger Angst als das,
was wir nicht benennen können.
Und indem du dem, gerade gegenwärtigen, einen Namen gibst, steigst du gleichzeitig auch ein ganzes Stück weit aus der Opferrolle aus und holst dir deine Kraft zurück.

Emotionen sind nicht böse, sie wollen uns etwas erzählen. Sie sind da, damit wir etwas über uns selbst erfahren. Aber wenn wir uns nicht einmal die Mühe machen, sie beim Namen zu nennen, dann bleiben sie kaum mehr, als ein unangenehmer Zustand, den man so schnell wie möglich wieder loswerden möchte.

 

2)     Was ist die Geschichte?

 

Du hast festgestellt was du fühlst. Sagen wir zum Beispiel: Wut.
Das Benennen erfolgt so unbeteiligt und objektiv wie möglich.
Man ist ein Beobachter, der ganz nüchtern feststellt: „Wut.“ (Oder: „Ich fühle mich wütend.“)

Das Gefühl hat nun einen Namen. Erster Schritt erledigt.

Schritt Nummer zwei ist es nun, zu erkennen, welche Geschichte die Emotion kreiert hat.
Die Gedanken springen nämlich schneller mit auf den Zug mit auf, als man: „Aber der Tag hat doch so gut angefan…“, sagen kann.
…und da wird’s erst richtig spannend.

 „Sie ist schuld an der ganzen Sache…“
„Weil er immer…“
Nie hab ich mal einen Moment Ruhe…“
Alles ist mein Fehler…“
Schon wieder…“

 Die oberflächliche Geschichte erkennt man oft daran, dass gerne verallgemeinert wird:
immer, nie, alle, dauernd, … sind nur ein paar der gängig genutzten Wörter.

Es ist wichtig, sich der oberflächlichen Geschichte, des Gedankenstrudels, bewusst zu werden. Ganz unzensiert, und ohne sich selbst sofort den Mund (oder die Gedanken) zu verbieten. Denn alles was verboten und verdrängt wird, kommt irgendwann wieder. Das ist so sicher, wie das Amen im Gebet.

Die Emotion ist also in Bewegung. Und zieht die Gedanken mit sich mit.
Statt also gegen den Strom zu rudern, bis man fast ersäuft… schwimm doch einfach einmal mit.

Was das heißt?

Ob du die Gedanken (an einem für dich sicheren Ort) laut aussprichst,
sie niederschreibst (ich persönlich bin ein großer Fan davon),
oder du dir zumindest (!) die Zeit nimmst, um einen Moment zur Ruhe zu kommen, und das Kopfkino zu betrachten, bleibt dir überlassen.

Wichtig ist, dass du es tust!

Unzensiert und ohne Schuldgefühle. Was ist die Geschichte, die du dir jetzt gerade (mitten in der Emotion) selbst erzählst?

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Und nachdem die Geschichte einmal klar ist, frag dich folgendes:

 

3)     Was ist die Geschichte hinter der Geschichte?

 

Die erste, oberflächliche, Geschichte erzählt der Kopf.
Der Kopf liebt es zu beschuldigen (sich selbst und andere) und sich als Opfer der Umstände zu betrachten.

Die zweite, darunterliegende, Geschichte entsteht nicht im Kopf.
Sie lehrt uns, tiefer hinein zu hören.

 

Ein Beispiel:

Der Chef hat uns vielleicht durch sein Verhalten wütend gemacht. Unsere erste Reaktion ist es, am liebsten schreien und toben zu wollen.
Die ganze Welt ist ungerecht und der Chef immer so unglaublich mies drauf.
Atmen wir tief einmal durch, entdecken wir vielleicht, dass wir nicht nur wütend, sondern vor allem traurig und verletzt sind. Das Kommentar des Chefs hat einen wunden Punkt getroffen, der uns schon seit unserer Kindheit verfolgt.
Vielleicht hat es uns an ein Ereignis erinnert, das uns dazu veranlasst hat, an uns selbst zu zweifeln?
Oder war es am Ende gar nicht der Chef, der uns den Tag verdorben hat? Waren wir schon vorher wütend und beschämt? Was war der Auslöser?

 

Das alles klingt jetzt vielleicht ein bisschen kompliziert, aber die Grundidee ist simpel:

Es geht nicht darum, dass wir mit uns selbst ein „hoch-psychologisches“ Gespräch führen, bei dem Freud vor Begeisterung in die Hände geklatscht hätte.
Vielmehr geht es darum anzunehmen, was gerade ist.
Das gegenwärtige Gefühl nicht als einen Stolperstein, persönliches Versagen, oder sonst was zu sehen, sondern als eine Möglichkeit, um zu wachsen.

 

Je besser wir uns selbst kennen, desto eher sitzen wir wieder hinter dem Steuer.
Dann bleiben wir nicht mehr Beifahrer, während unsere Emotion im Mördertempo mit uns durch den Tag rauscht.
Wir hören auf Opfer zu sein und nehmen das Lenkrad wieder selbst in die Hand.

Daher…

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Nachdem wir

1)     erkannt haben, welche Emotion gerade präsent ist,

2)     die Geschichte, die sie uns ganz aufgeregt erzählt,
so neutral wie möglich, betrachtet haben und

3)     die darunterliegende Geschichte erkannt haben
(und bis die sich zeigt, braucht es manchmal ein wenig Geduld),

bleibt nur noch eines zu tun:

 

4)     Vergib dir selbst
(und, wenn du es in diesem Moment schon schaffst, auch deinem Umfeld),
und dann… Lass los.

 

„Liebe/r … (Wut, Trauer, Neid, …),

 Ich verstehe, dass du hier bist, um mir etwas zu lehren.
Ich höre auf, gegen dich anzukämpfen und akzeptiere, dass dein Hier-Sein einen Grund hat.
Ich bin bereit von dir zu lernen und
nehme mein Leben, hier und jetzt, wieder selbst in die Hand.
Danke, dass du mir dabei hilfst, zu wachsen.
Ich bin bereit, dich loszulassen.“ 


3x tief durchatmen

 

Oft tritt ein Gefühl von Erleichterung ein.
Meist ist das Ausmaß der Wut, Trauer, … deutlich geringer.
Und wenn die Emotion noch immer sehr präsent ist... dann ist auch das in Ordnung.

 

Es ist nicht nur wichtig, die Emotions-Geschichten, sondern auch jegliche Erwartungshaltung abzulegen. Es gibt kein Ziel, nur viele, kleine Lernschritte.


„Danke. Ich lasse jetzt los.“

 

Wenn es ein Ziel geben würde, dann wäre es vermutlich, mit unseren Gefühlen und Emotionen leben zu lernen und achtsam für das zu werden, was sie uns mitteilen möchten.
Je liebevoller wir dabei mit uns selbst umgehen können, umso besser wird es uns auch gelingen, für andere in herausfordernden Momenten eine Stütze zu sein.

 

 

Lerne, auf deine Emotionen zu hören,
aber glaub nicht alles, was du denkst. 

Wenn du die laute, oberflächliche Geschichte erkannt hast…
…beginne tiefer hinein zu lauschen.

Nimm an.
Hör zu und lerne.
Und dann…

Lass los.

 



Alles Liebe, Marina ღ